Rund 1.400 Lehrerstellen blieben in Baden-Württemberg zu Beginn dieses Schuljahres unbesetzt. Um die immer größer werdende Lücke zu schließen, wurden wichtige Schritte eingeleitet, um neue Lehrkräfte zu gewinnen. Der Handlungsdruck ist dennoch hoch: Der Lehrkräftetrichter des Stifterverbandes dokumentiert, dass nur etwa zwei Drittel der Studierenden das Lehramtsstudium abschließen – der größte Schwund erfolgt bereits zu Beginn des Studiums. Aus Sicht des Stifterverbandes braucht Baden-Württemberg daher insbesondere eine konsequentere Öffnung und flexiblere Zugänge in den Lehrkräfteberuf sowie wirksame Maßnahmen zur Verringerung der Schwundquote während des Studiums.
Die Analyse der Wahlprogramme zeigt: Die Lehrkräftebildung hat in den Wahlprogrammen nicht die Priorität, die sie aus Sicht des Stifterverbandes haben müsste, um den Lehrkräftebedarf zu decken, die Qualität schulischer Bildung zu sichern und die von den Parteien selbst gesetzten Ziele zu erreichen. Die von der Kultusministerkonferenz eröffneten Möglichkeiten für Quereinstiegsmaster, Ein-Fach-Lehrkräfte und duale Lehramtsstudiengänge werden nur zurückhaltend genutzt. Der Schwund zwischen Studienbeginn und Eintritt in den Beruf wird von keiner Partei als eine zentrale Herausforderung benannt. Es fehlt bei allen Parteien der Wille zu einer systematischen und politischen Steuerung der Lehrkräftebildung. Voraussetzung dafür ist eine kontinuierliche Datenerhebung. Nur so lässt sich die Lehrkräftelücke verlässlich prognostizieren. Darüber hinaus sind nach Auffassung des Stifterverbandes eine gezielte Nutzung der Ziel- und Leistungsvereinbarungen für Lehrkräfte sowie finanzielle Anreize notwendig, um die Attraktivität des Berufes zu steigern.
Beim Thema der Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Partnern zeigt sich ein ähnliches Muster. Zwar erkennen alle Parteien – mit Ausnahme der AfD – deren Potenzial grundsätzlich an, doch konzentrieren sich die Vorschläge weitgehend auf den Ganztag sowie auf Kultur, Sport und auf Angebote von Arbeitsgemeinschaften. Es fehlt jedoch an einer klaren Strategie, wie Kooperationen curricular verankert, strukturell verstetigt und für alle Schülerinnen und Schüler zugänglich gemacht werden können – das gilt vor allem auch für die Überlegungen zur MINT-Förderung. Es fehlt eine umfassende Strategie, die alle Leistungsgruppen adressiert und insbesondere Mädchen frühzeitig systematisch für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer begeistert.
Insgesamt zeigt die Analyse der Wahlprogramme: Baden-Württemberg verfügt bereits über wichtige Bausteine einer zukunftsfähigen Lehrkräftebildung. Gleichzeitig werden die entscheidenden Zukunftsaufgaben – vom Zugang in den Beruf über den Studienerfolg, die Verankerung digitaler und KI-bezogener Kompetenzen und eine zeitgemäße Steuerungslogik – nur teilweise und mit sehr unterschiedlicher Intensität aufgegriffen. Die Chancen, schulische Bildung durch eine systematische Kooperation mit außerschulischen Partnern zu verbessern – auch und gerade im MINT-Bereich – werden zu wenig gesehen. Aus Sicht des Stifterverbandes braucht Baden-Württemberg eine klare und langfristig angelegte Gesamtstrategie, die bestehende Reformschritte verzahnt, strukturelle Lücken schließt und die Lehrkräftebildung und Schulentwicklung im Land nachhaltig stärkt.