EdTech-Start-ups und Bildungsinstitutionen zusammenbringen

Discussion Paper | Ausgabe 05

EdTech-Start-ups und Bildungsinstitutionen zusammenbringen (Cover)

EdTech-Unternehmen haben großes Potenzial, in einem hohen Tempo die Basis für Innovationen in Schulen und Hochschulen zu legen. Dieses Diskussionspapier gibt Hinweise auf Handlungsbedarfe und benennt Lösungswege, um die Zusammenarbeit von Bildungsinstitutionen und EdTech-Start-ups auf diesem Weg zu stärken.

  • Die EdTech-Branche erhält mit der Sichtbarmachung durch den EdTech-Kompass des Hochschulforums Digitalisierung einen wertvollen Anker.
  • Förderliche Rahmenbedingungen sind notwendig, um den Eintritt von EdTech-Start-ups in den Bildungssektor zu ermöglichen.
  • Für gegenseitige Akzeptanz und Verständnis muss geworben und organisationskulturelle Übersetzungsarbeit geleistet werden.
  • Kulturveränderung und Kompetenzentwicklung aller Beteiligten sind notwendig, um EdTech-Start-ups und deren erfolgreiche Implementierung zu fördern.

Unter dem Begriff EdTech lassen sich innovative und technologieorientierte Unternehmen und Start-ups zusammenfassen, die Lösungen, Services und Produkte im Bereich der Lern- und Bildungsanwendungen anbieten.

Der Bildungsmarkt ist komplex – ein Mehr an Start-ups und eine verbesserte Gründungsförderung von EdTech-Akteurinnen und -Akteuren resultiert nicht zwangsläufig in markttauglichen Bildungsinnovationen, wenn die notwendigen Rahmenbedingungen nicht bereits im Vornherein geschaffen wurden. Die Skalierung einer erfolgreichen Anwendung eines Produkts in einem Seminarraum, die durch engagierte Einzelpersonen vorangetrieben wurde, erfordert andere Strategien als in einem privatwirtschaftlichen Markt. Entscheidungsstrukturen sind häufig dezentral sowohl innerhalb der Institutionen wie auch in Politik und Verwaltung auf Ebene von Bund und Ländern. Eintrittswege, Strategien einer Pilotierung und Ausweitung in der Fläche oder auch mögliche Geschäftsmodelle variieren je nach Anwendungsfeld oder Produkt.

Dies resultiert zumeist darin, dass sich EdTechs vor allem in den Weiterbildungsbereich verlagern, wo Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen eine einfacher zu adressierende Zielgruppe darstellen. Aus diesem Grund bleibt die Frage zu klären, ob es insgesamt an Innovationen und Ideen mangelt oder ob die Strukturen und Implementierungsmechanismen derart komplex sind, dass Innovationen und Dienstleistungen nicht dort ankommen und eingesetzt werden können, wo sie letztendlich benötigt werden.

Bildungseinrichtungen und EdTech-Unternehmen können gemeinsam zukunftsfähige und konkurrenzfähige Lösungen für Bildungsherausforderungen entwickeln, um die Digitalisierung in der Bildung erfolgreich voranzutreiben.

Zentrale Herausforderungen und Handlungsempfehlungen

 
Sichtbarkeit von Bestehendem schaffen und erhöhen

Die Sichtbarmachung von Potenzialen der EdTech-Branche für die Hochschulentwicklung ist ein erster wichtiger Schritt, um zukünftige Kooperationen zwischen Start-ups und Hochschulen zu fördern. Der EdTech-Kompass des Hochschulforums Digitalisierung bietet Bildungsakteurinnen und -akteuren Orientierung zu Produkten und Dienstleistungen im Bereich EdTech. EdTech-Start-ups und -Unternehmen ermöglicht der Kompass mehr Sichtbarkeit, insbesondere im Hochschulbereich. Der Kompass bietet die Möglichkeit, konkret nach Bildungsbereich (Hochschulbildung, Schulbildung, Ausbildung und Lebenslanges Lernen) und Anwendungszweck (zum Beispiel Bildungsmanagement, Lernplattform, Kommunikation) zu filtern und nach passenden Produkten sowie Anbietern zu suchen. Ein ähnliches Ziel verfolgt die Technologie Stiftung mit der EduTechMap für die Region Berlin, in der sich EdTech-Angebote nach verschiedenen Kategorien und Zielgruppen ausfindig machen lassen.
 

Bedarfe der Bildungsinstitutionen verstehen und Erfolgsbedingungen ableiten
Um eine nutzerzentrierte Herangehensweise bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen für den Bildungssektor zu erreichen, müssen die einzelnen Akteurinnen und Akteure innerhalb der Organisationen auf ihre spezifischen Bedarfe hin untersucht werden. Anhand der entdeckten Bedarfe müssen entsprechende Bedingungen abgeleitet und zielgruppengerecht aufbereitet werden. Eine Validierung von EdTech-Lösungen kann beispielsweise über einen Matchmaking-Pool zwischen Bildungsakteurinnen und -akteuren und EdTech-Start-ups ermöglicht werden. Darüber hinaus muss ein Verständnis für Prozesse auf beiden Seiten geschaffen werden, um Hemmnisse in der Produktentwicklung und -implementierung frühzeitig aus dem Weg zu schaffen.
 

Förderliche Rahmenbedingungen für den Eintritt in den öffentlichen Bildungssektor schaffen
Um den Eintritt von EdTech-Start-ups in den Bildungssektor zu ermöglichen, müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Im ersten Schritt müssen dazugehörige Stakeholderinnen und Stakeholder sowie Akteurinnen und Akteure identifiziert werden, die als Türöffner der Start-ups in den Hochschulbereich fungieren können. Diese agieren entweder auf Seiten der Start-ups oder der Hochschulen oder führen aus einer neugeschaffenen Vermittlerposition heraus beide Seiten zusammen. Auch zentrale Entscheidungen auf Seiten der Institutionen und/oder der verantwortlichen Bundesländer können eine erhebliche Erleichterung für den Markteintritt von EdTech-Start-ups darstellen. 

Darüber hinaus ist es wichtig, eine entsprechende Skalierung zu ermöglichen, die den Ansprüchen der Hochschule gerecht wird, aber das jeweilige Start-up auch nicht überfordert oder Kapazitäts- und Leistungsgrenzen sprengt. Ein Finanzplan, in dem infrastrukturelle Voraussetzungen sowie die Nachhaltigkeit und Langfristigkeit der Zusammenarbeit festgehalten werden, ist ebenso entscheidend wie das Einbinden relevanter Akteurinnen und Akteure, beispielsweise aus der Politik oder der Verwaltung. Hierfür müssen ebenso Rahmenbedingungen zur interorganisationalen Kooperation geschaffen werden. Ein von der Bundesregierung ins Leben gerufener und finanzierter EdTech-Investment-Fond könnte hierfür eine notwendige Basis bilden. Ähnliche Bestrebungen aus dem Social Business Sektor können dafür als Vorbild dienen.
 

Ko-Kreation in den Vordergrund stellen
Ko-Kreation beschreibt eine neue Form der Zusammenarbeit, bei der die Kundinnen und Kunden aktiv den Entwicklungs- und Innovationsprozess von Produkten oder Dienstleistungen mitgestalten und nutzerzentriertes Design ermöglichen. Hierbei werden diese so in den jeweiligen Arbeitsprozess integriert, dass sie eigene Ideen und Vorschläge einbringen und so zur weiteren Entwicklung beitragen. Um dies zu erreichen, muss das Silodenken überwunden und der gemeinsame Mehrwert von Kooperation in den Vordergrund gestellt, sowie organisationskulturelle Übersetzungsarbeit geleistet werden. Wenn fertige Produkte angeboten werden, ist die Anpassung an die jeweiligen Bedarfe der Bildungsinstitution eine hohe Hürde. Mithilfe diverser Formate (zum Beispiel Hackathons, Future Lab des Stifterverbandes, Theory U Prozesse) lassen sich ko-kreativ Lösungen und Geschäftsmodelle entwickeln und implementieren. Unterschiedliche Perspektiven, Organisationskulturen, Erfahrungen und Kompetenzen werden hier durch gemeinsame Methoden in einem Prozess wertgeschätzt und für die Innovationsentwicklung nutzbar gemacht. Initiatorinnen und Initiatoren solcher Formate können zum Beispiel die Gründungsförderungen an Hochschulen oder die Verantwortlichen für Innovationen in der Lehre sein. Aber auch bundesweite Netzwerke und Plattformen zur Stärkung der digitalen Lehre können Akteurinnen und Akteure sein, die ko-kreative Formate entlang übergreifender Herausforderungen entwickeln und anbieten sowie die Vernetzung der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure sicherstellen. Hochschulübergreifende Konsortien könnten zudem die Integration von EdTech-Lösungen gemeinsam testen und so Kosten und Risiken minimieren. Der Stifterverband und das Hochschulforum Digitalisierung verfolgen bereits ko-kreative Lösungsansätze, die auch für dieses Handlungsfeld genutzt werden können.
 

Neue Geschäftsmodelle entwickeln
Eine intensivierte Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und EdTech-Startups erfordert daran angepasste Geschäftsmodelle und Kooperationsgrundlagen. Die Entwicklung partnerschaftlicher Geschäftsmodelle, die die einzelnen Bedarfe und Zielsetzungen klar definiert und gegeneinander abgrenzt ist ebenso wichtig wie die Involvierung vielfältiger Akteurinnen und Akteure. Im Vordergrund steht nicht nur die Entwicklung und das Anbieten von Produkten und Dienstleistungen, umfassende Beratungs- und Schulungstätigkeiten müssen ebenso mitgedacht und realisiert werden. Hierfür können zum Beispiel konkrete "Challenges" von Hochschulen oder Schulen im Rahmen eines längerfristig angelegten Inkubators oder im Rahmen von kurzfristigen Hackathons durch EdTech-Startups bearbeitet werden und anschließend die Fortführung der Projekte und die Umsetzung durch gezielte Unterstützungsmaßnahmen sichergestellt werden. Inspiration hierfür bietet der "Solution Enabler", der die Umsetzung der im Rahmen der WirvsVirus-Initiative 2020 erarbeiteten Lösungen mit finanzieller und inhaltlicher Unterstützung gewährleistet hat.
 

Digitale Expertise aufbauen und Transfer gewährleisten
Es ist wichtig, Erkenntnisse über Kooperationsprozesse und Good Practices weiterzugeben. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit externen Innovationspartnerinnen und -partnern zu incentivieren. Außerdem können mithilfe von Förderprogrammen, Peer-to-Peer-Beratungsprojekten, Fellowships, Forschungsstellen und Reallaboren Anreize zur Weiterbildung geschaffen und der Transfer zwischen dem eigenen Projekt und externen Expertinnen und Experten intensiviert werden. Zusätzlich sollte der Aufbau von Digital Literacy Skills für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bildungseinrichtungen sowie Studierende und Schülerinnen und Schüler eine zentrale Rolle spielen und auch in der Ausbildung zukünftiger Lehrender zum Beispiel in Form von praxisorientierten Transferprojekten verankert werden, um die Implementierung und Nutzung von EdTech-Formaten zu erleichtern und Hürden innerhalb der Hochschulen abzubauen.
 

Intermediäre Akteurinnen und Akteure benennen
Die Kommunikation zwischen den einzelnen Kooperationspartnerinnen und -partnern ist entscheidend. Aus diesem Grunde ist es wichtig, Verantwortlichkeiten zu definieren und Ansprechpersonen zu benennen, die zwischen den Beteiligten vermitteln. Dabei ist es zentral bei diesen für gegenseitige Akzeptanz und Verständnis zu werben, organisationskulturelle Übersetzungsarbeit leisten, aber auch strategischen Partnerinnen und Partnern (zum Beispiel aus der Politik oder der Verwaltung) Zugang und Einblick in die Arbeitsabläufe der eigenen Bildungskooperation verschaffen zu können.
 

Kulturveränderung und Kompetenzentwicklung
Zwischen EdTech-Start-ups und Bildungsinstitutionen muss sich eine gemeinsame Arbeits- und Innovationskultur eingehend mit einer Verständnisbasis füreinander herausbilden. Dies dient nicht nur der Harmonisierung gegenseitiger Arbeitsabläufe, sondern hilft auch dabei, Skepsis gegenüber den Kooperationspartnerinnen und -partnern abzubauen, Missverständnisse zu vermeiden und überhöhte Erwartungen zu verhindern. Ziel ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich alle Beteiligten sichtbar machen und sich Gehör verschaffen können und dass das gegenseitige Miteinander von Respekt und Verständnis für die Arbeit des jeweils anderen geprägt wird.

 
Der Stifterverband und das Hochschulforum Digitalisierung
haben die Möglichkeit, EdTech-Akteurinnen und -Akteure, Hochschulen und externe Innovationstreiberinnen und -treiber zusammenzubringen und bei der Planung und Umsetzung von EdTech-Projekten zu unterstützen. Dies reicht von der Entwicklung und Bereitstellung von Vernetzungsplattformen, ähnlich der Open Innovation und Open Science-Initiative innOsci, über die Förderung von Know-how-Aufbau bis hin zur Gestaltung von Ko-Kreations- und Innovationsräumen, sowie der Identifikation von Testbeds oder der Etablierung und Kuratierung eines EdTech-Netzwerks, in dem alle Akteurinnen und Akteure zusammenkommen und sich untereinander vernetzen können.

Letztendlich gilt es, die deutsche Bildungslandschaft der Zukunft zu gestalten und dafür Top-Down-Ansätze mit der Schaffung von positiven Rahmenbedingungen und Bottom-Up-Ansätze zur Kulturveränderung und Entwicklung digitaler Expertise miteinander zu kombinieren, um eine größere Schlagkraft und Schnelligkeit in der Förderung und Implementierung von EdTech-Lösungen in Deutschland zu erreichen.

 

Johanna Ebeling / Andrea Frank / Kathleen Fritzsche / Alexander Roth-Grigori / Barbara Wagner:
EdTech-Start-ups und Bildungsinstitutionen zusammenbringen
Discussion Paper 05
Herausgeber: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
Erschienen im März 2021