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Meinung

Innovationssystem · Wissenstransfer

Mehr Tempo für Transfer

Suzhou Brücke Straße Landschaft, Nacht
Foto: iStock/ shansekala

Wir brauchen Fokus, Tempo und neue Wege der Kooperation – diese Forderung begegnet mir aktuell auf jeder Transfer- und Innovationsveranstaltung. Daraus folgt: Wer Transferförderung heute wirksam gestalten will, muss die Geschwindigkeit und den Fokus von Transfer- und Innovationsförderung erhöhen. Genau das ist Ziel der neuen Transferinitiative des Bundesministeriums für Technologie, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Es geht primär nicht um mehr Fördergelder, sondern darum, die öffentliche Transferförderung fokussierter und beweglicher zu machen: mit schnelleren Entscheidungen, neuen Prozessen und einer stärkeren Orientierung an tatsächlichen Anforderungen der Unternehmen und Verwertungschancen.

Im Kern setzt die Initiative damit an den richtigen Hebeln an. Nicht alle Fragen sind schon geklärt, aber zentrale Elemente weisen in die richtige Richtung. Der Wille, ausgewählte Aspekte der neuen Initiative zu pilotieren, zeigt die Ambition, schnell in die Umsetzung zu kommen und Neues ausprobieren.

Andrea Frank (Foto: David Ausserhofer)
Andrea Frank (Foto: David Ausserhofer)

„Die größte Stärke der Initiative liegt in dem Versuch, mehr Geschwindigkeit, mehr Agilität, Marktnähe und Fokussierung zu realisieren.“

Andrea Frank
ist stellvertretende Generalsekretärin des Stifterverbandes sowie Co-Leiterin der Abteilung "Programm und Förderung"

Besonders vier Punkte stechen für mich positiv hervor: 

  1. Der Fokus auf die Themen der Hightech-Agenda Deutschland ist konsequent. Transferförderung kann nicht weiterhin alles gleichzeitig leisten. Sie muss sich auf Zukunftsthemen konzentrieren und dort ansetzen, wo Deutschland wirtschaftliche und technologische Stärken besitzt oder gezielt ausbauen will. Diese Schwerpunktsetzung schafft Orientierung, bündelt Ressourcen und erhöht die Chance auf sichtbare Wirkung.
  2. Der frühe Start über explorative Modellprojekte ermöglicht schnelle Umsetzung. Statt lange auf den vollständigen Aufbau der Transferhubs zu warten, sollen Challenges, Transfersprints und Scale-up-Formate bereits in diesem Jahr anlaufen. Das ist ein Instrument der Beschleunigung. Agilität entsteht durch das Testen und Anpassen von Fördermechanismen im laufenden Betrieb. Dass dabei an positive Erfahrungen mit dem früheren Förderwettbewerb DATIpilot angeknüpft wird, ist ermutigend.
  3. Die stärkere Ausrichtung an den Anforderungen der Unternehmen ist überfällig. Transferförderung ist immer noch zu stark angebotsorientiert. In Zukunft wird nicht gesagt, das haben wir, sondern gefragt: Wo besteht wirtschaftlicher Bedarf und welche Forschungsergebnisse sind dafür anschlussfähig?
  4. Auch in der Finanzierung will die Initiative neue Wege gehen. Sie wird an die Fähigkeit gekoppelt, privates Kapital zu mobilisieren. Damit unterliegen nicht nur Projekte, sondern auch die transferorganisierenden Strukturen einem Markttest. Die Transferinitiative greift hier eine gute Idee der Start-up-Factories auf. Dort hat diese Anforderung zu hoher Dynamik und der Entwicklung innovativer gemeinsamer Finanzierungsmodelle in öffentlich-privater Kooperation geführt. 
     

Der Erfolg der Initiative wird sich an der Akzeptanz und Qualität des Scoutingprozesses für verwertungsfähige Erkenntnisse aus der Forschung durch die daran beteiligten Akteure entscheiden. Und sie wird sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, eine schlanke Abwicklung der Projektförderung über den Service Desk zu realisieren. Ein Argument für die Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (Dati) war immer, dass eine neue Agentur auch eine neue Kultur der Förderung etablieren kann.

Diese neue Kultur muss durch das Service Desk beim Projektträger spürbar werden – durch kluge Arbeitsteilung: Die Hubs sollten scouten, auswählen, begleiten, vernetzen, erfolglose Projekte beenden. Der Service Desk unterstützt den Prozess zentral und standardisiert. So entsteht kein unnötiger Mehraufwand, sondern ein kluges Zusammenspiel aus thematischer Nähe und zentraler Entlastung. Hier braucht es deutlich mehr Flexibilität als in der bisherigen Praxis der klassischen Projektförderung. 

„Die Hubs sollten scouten, auswählen, begleiten, vernetzen, erfolglose Projekte beenden.“

Andrea Frank

Die Transferinitiative kann ein Gewinn für das Innovationssystem werden. Deutlich wird aber auch, dass sie keine Antwort auf alle Herausforderungen ist. Transfer entsteht nicht nur in wenigen klar umrissenen Schlüsseltechnologien, sondern auch an Schnittstellen, in etablierten Branchen und regionalen Innovationsfeldern. Themenoffene Formate gibt es weiterhin viele und sie müssen kritisch reflektiert und gegebenenfalls aussortiert werden. Andere Transferformen, insbesondere die rückläufigen Forschungsaufträge von Unternehmen an Hochschulen, bedürfen weiterhin unserer Aufmerksamkeit.

Die vielleicht größte Stärke der Initiative liegt jedoch in dem, was sie nicht sein will: kein weiteres Transferprogramm im bisherigen Modus. Sondern ein Versuch, mehr Geschwindigkeit, mehr Agilität im Fördergeschehen, mehr Marktnähe und mehr Fokussierung zu realisieren. Sie versteht sich als systemisches Bindeglied für jene Phase, in der viele Vorhaben bislang scheitern – zwischen erster Validierung und echter Marktnähe. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, hängt von der Umsetzung ab. Sollte es gelingen, die neue Logik gegen etablierte Routinen durchzusetzen, könnte die Transferinitiative tatsächlich einen Paradigmenwechsel einleiten: weg von der Förderung einzelner Projekte, hin zur Orchestrierung eines kollaborativ finanzierten, marktnäheren Transfersystems.

Die ermutigende Botschaft lautet deshalb: ausprobieren, lernen, nachschärfen. Eine Transferagenda, die Wirkung entfalten will, braucht genau diesen Mut zum Experiment.

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