Ausgebremst statt durchgestartet

Herausforderungen für ausländische Studierende jenseits von Kultur- und Bildungsfragen

  • Zulassung, Visavergabe, Kontoeinrichtung, Legitimationsnachweise, Geldsperrung: Komplizierte und langwierige bürokratische Verfahren konterkarieren oft die Bemühungen der Hochschulen um schnelle Integration von ausländischen Studierenden.
  • Eine Auswertung der Daten von knapp 900 Nicht-EU-Ausländern auf ihrem Weg nach Deutschland zeigt, dass mehr als die Hälfte von ihnen die Zulassung zum Studium weniger als drei Monate vor Studienbeginn erhält. Kombiniert mit langen Visa-Wartezeiten führt dies dazu, dass 38 Prozent nach dem Beginn des Semesters in Deutschland anreisen.
  • Der Start ins Studium ist damit häufig ein Fehlstart. Mit einem besser ausgestalteten Weg nach Deutschland ließen sich die hohen Studienabbruchquoten ausländischer Studierender senken.

Immer häufiger entscheiden sich Menschen aus dem Ausland für ein Studium in Deutschland. Die Zahl der Bildungsausländer (Studierende in Deutschland ohne deutsche Staatsangehörigkeit mit ausländischer Hochschulzugangsberechtigung) stieg von 177.852 im Wintersemester 2007/08 um knapp 60 Prozent auf 282.002 im Wintersemester 2017/2018. Dabei steigt der Anteil der Nicht-EU-Ausländer besonders stark an. Waren im Wintersemester 2007/08 noch zwei von drei Bildungsausländern aus dem nicht EU-Ausland, so sind es jetzt etwa drei von vier. Unter den Studienanfängern machen Bildungsausländer gemäß der Zahlen des statistischen Bundesamtes mittlerweile 11,8 Prozent aus. 208.752 der 282.002 Bildungsausländer stammten im Wintersemester 2017/18 aus den Nicht-EU-Ländern. Die meisten Nicht-EU-Ausländer kommen aus China (36.915), Indien (17.294) und Russland (10.795).

Autoren:
Eike Schröder und Mathias Winde (Stifterverband)
Jonas Marggraf und Carolin Dorra (Fintiba GmbH)

Herausgegeben vom Stifterverband und der Fintiba GmbH
Erschienen im Oktober 2019

Bildungsausländer in Deutschland

im Wintersemester 2007/08 bis 2017/18
Quelle: Destatis

Ausländische Studierende haben eine große Bedeutung für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands, und zwar insbesondere in Hinblick auf den hohen Bedarf an Personen mit Zukunftskompetenzen. Für den einzelnen Studierenden ist ein Auslandsstudium eine Chance, sich persönlich weiterzuentwickeln und eine akademische Ausbildung mit entsprechendem Karriereausblick zu erhalten. Doch vor dieser Chance steht ein nicht zu unterschätzender organisatorischer und bürokratischer Aufwand: Die Studierenden müssen eine passende Wunschhochschule finden, sich dort erfolgreich bewerben und sich anschließend um die gesetzlichen Anforderungen zur Einreise wie beispielsweise Finanzierungs-, Sprach- und Krankenversicherungsnachweise kümmern. Zudem müssen neben Reiseorganisation und Unterkunftssuche, Termine bei der Botschaft, der Ausländerbehörde, dem entsprechenden Meldeamt und der Hochschule vereinbart und wahrgenommen werden.

Nicht immer läuft dieser Prozess reibungslos und häufig vergeht viel Zeit. Die Folge ist, dass ein bedeutender Teil der Bildungsausländer Willkommenswochen und Orientierungsphase – nicht selten auch große Teile des ersten Semesters – verpasst. Der verzögerte Start sowie die Fokussierung auf behördliche und organisatorische Notwendigkeiten in der Studienanfangsphase gefährden von Beginn an den Studienerfolg. Die Abbruchquoten liegen bei Bildungsausländern (Prüfungsjahr 2016) mit 45 Prozent im Bachelor- und 29 Prozent im Masterstudium nach wie vor deutlich über den Abbruchquoten bei deutschen Studierenden (Bachelor: 28 Prozent, Master: 19 Prozent). Mit einem besser ausgestalteten Weg nach Deutschland ließe sich diese Quote senken.

Dieses Paper möchte einige der Stationen und Hindernisse, die Studierenden aus Nicht-EU-Ländern auf dem Weg nach Deutschland begegnen können, aufzeigen, diskutieren und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung von Prozessabläufen geben. Der Fokus der Betrachtung liegt dabei auf dem zeitlichen Aspekt sowie auf bankgeschäftlichen Problemen. Nicht besprochen werden Zusammensetzung, Motivation und Studienbedingungen der Bildungsausländer.

Der Weg nach Deutschland

Von der Zulassung zum Studium bis zur Auszahlung des ersten Geldes
Durchschnittswerte aus der Fintiba Datenbank

Handlungsempfehlungen

  • Zulassung: Hochschulen Zulassungs- und Ablehnungsbescheide möglichst früh – in jedem Fall aber mindestens 90 Tage vor Studienbeginn – verschicken. Nur so kann ein geregelter Studienstart gelingen. Gegebenenfalls sollten Hochschulen – wie es einige auch bereits tun – entsprechende Kontingente für internationale Studierende bereits im Vorfeld abstecken und diese früher informieren. Auch separate Zulassungsverfahren für ausländische Studierende mit früheren Fristen sind eine Möglichkeit.
     
  • Ein Blick auf die Hochschulen: Die Unterstützung der Studierenden auf dem Weg nach Deutschland erfordert weitreichendes Know-How über ein breites Spektrum an Themengebieten. Die Informationslage ändert sich fortlaufend und so ist es erforderlich, dass die International Offices im engen und regelmäßigen Austausch mit den relevanten Marktteilnehmern aus Politik und Wirtschaft stehen. Gerade zum Beispiel kleinere International Offices sind dabei allerdings oft so knapp besetzt, dass diese Tiefe der Betreuung oftmals nicht geleistet werden kann. Dies sollte bei den Internationalisierungsaktivitäten der Hochschulen berücksichtigt werden. Visavergabe: Die Wartezeiten für Visa für Studien- und Forschungsaufenthalte müssen gesenkt werden. Dies kann gelingen, indem zum einen die Strukturen auf die gesteigerte Nachfrage angepasst und zum anderen alle Maßnahmen gefördert werden, die aussichtsreichen Bewerbern eine bevorzugte Bearbeitung ermöglichen.
     
  • Visum: Lange Wartezeiten auf Visumtermine und -vergabe können die Einreise und Studienstart stark verzögern. Um die Zeitdauer der Visavergabe so weit wie möglich zu verkürzen, sollten die damit verbundenen Abstimmungsprozesse insbesondere zwischen Außenministerium (Auslandsvertretungen) und Innenministerium (Ausländerbehörden) optimiert werden. Des Weiteren sollte geprüft werden, in wie weit Kapazitätsengpässe bei der Visavergabe dadurch gelindert werden können, dass zum einen Studenten mit erkennbaren Erfolgsaussichten im Visumprozess prioritär behandelt werden und zum anderen externe Dienstleister im Visaprozess ihren Einsatzbereich auf Studenten ausweiten.
     
  • Bezahlbarer Wohnraum: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist allgemein eine große Herausforderung für alle Studierenden in Deutschland. Für ausländische Studierende ist die Situation jedoch besonders schwer. Aufgrund der kulturellen Unterschiede und durchschnittlich geringeren finanziellen Mitteln haben sie sowieso schon einen schwierigeren Zugang zum deutschen Wohnungsmarkt. Zudem: An der Wohnung hängt auch die Bestätigung des Vermieters, die für die Anmeldung benötigt wird. Diese ist dann wiederum oftmals Voraussetzung für die Eröffnung eines Girokontos, das die Studierenden benötigen, um an ihr gesperrtes Geld zu bekommen. Hier sollten Städte, Studentenwerke und Hochschulen eng zusammenarbeiten, um Wohnraum für diese Zielgruppe anzubieten.
     
  • Sprache: Viele Studierende kommen mit noch unzureichenden Sprachkenntnissen nach Deutschland, da diese unter Umständen erst noch im Laufe von Vorbereitungsprogrammen erworben oder für ihren Studiengang nicht benötigt werden. Selbst Studierende mit dem erforderlichen Sprachniveau kommen in anspruchsvollen Umfeldern wie bei Behörden schnell an ihre Grenzen. Um den Einstieg zu erleichtern, muss es Studierenden mit geringen Deutschkenntnissen leichter gemacht werden, sich zurecht zu finden und zu organisieren; hierfür sind Angebote in Englisch sowie englische Sprachkenntnisse bei den Mitarbeitern der Behörden erforderlich. Aktuell sind zum Beispiel die zentralen Online-Präsenzen der Studienkollegs oder die Anabin-Datenbank, über die die Kultusministerkonferenz Informationen zur Bewertung von ausländischen Bildungsnachweisen bereitstellt, nur in deutscher Sprache verfügbar. Auch in Behörden gibt es oftmals keine englischen Versionen deutscher Formulare. Des Weiteren sollten die Möglichkeiten des Erlernens der deutschen Sprache in den Herkunftsländern – gegebenenfalls auch durch digitale Plattformen – erleichtert und verbessert werden.
     
  • Digital: Ein Studium in Deutschland ist für internationale Studierende mit vielen Formularen verbunden. Dies fängt oftmals bei der Hochschulbewerbung an und hört bei der Anmeldung im Einwohnermeldeamt in Deutschland noch nicht auf. Bei den vielen Dokumenten, die ein internationaler Studierenden auf dem Weg nach Deutschland sammelt, ist es nicht ungewöhnlich, dass der Überblick verloren geht und unter Umständen Anforderungen oder Abgabedaten übersehen werden. Um mehr Transparenz und Übersichtlichkeit zu bieten, müssen digitale Angebote geschaffen werden. Diese müssen den Studierenden einen direkten Zugang zu den Anforderungen für ihr Studium in Deutschland bieten und so dabei helfen, Hürden abzubauen und ein reibungsloses Ankommen sowie einen erfolgreichen Studienstart zu garantieren.

 

Kontakt

Dr. Mathias Winde

leitet im Stifterverband den Programmbereich "Hochschulpolitik und -organisation".

T 030 322982-501
F 030 322982-515

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Eike Schröder

ist wissenschaftlicher Referent im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes.

T 030 322982-315
F 030 322982-515

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