Studienintegrierende Ausbildung

Neue Wege für Studium und Berufsbildung

Das selektive deutsche Bildungssystem zwang in der Vergangenheit Menschen sehr früh zu Entscheidungen. Lange Zeit musste zwischen unterschiedlichen Schulformen entschieden werden, die entweder in weiterführende berufliche oder akademische Bildungseinrichtungen mündeten.

Inzwischen gibt es viele schulische Hybridmodelle (zum Beispiel  Oberstufenzentren etc.), die unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, den Bildungsweg weiterzugehen: entweder in die anwendungs- und handlungsorientierte berufliche Bildung mit ihrer Ausrichtung an den Bedürfnissen der beruflichen Praxis oder in die theoretisch-reflexionsorientierte akademische Bildung, die für Wissenschaftlichkeit, das Hinterfragen bestehender Positionen und das Erarbeiten innovativer Problemlösungen steht.

So wie sich Schulformate verändert haben, hat sich auch das postschulische deutsche Bildungssystem mit einem expandierenden akademischen Bildungssektor und einer qualitativ hochwertigen Berufsausbildung verändert. Mit der Etablierung der Fachhochschulen in den 1970er-Jahren wurde die Berufsorientierung der akademischen Ausbildung gestärkt, mit der Einführung des dualen Studiums wurden akademische und berufliche Lernorte miteinander verzahnt. Trotz dieser Brückenschläge ist es aber bei der prinzipiellen Trennung beider Bereiche geblieben. Mit weitreichenden Folgen insbesondere für das berufliche Ausbildungssystem, das trotz aller Maßnahmen zunehmend an Attraktivität verliert. Das Jahr 2013 markiert hier einen Wendepunkt: In diesem Jahr haben sich erstmals mehr Schulabsolventen für ein Hochschulstudium als für eine duale Ausbildung entschieden, und dieser Trend ist seither stabil geblieben.

Diese Entwicklungen haben der öffentlichen Debatte über das Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung neuen Schwung verliehen. Immer mehr gelangt man zu der Erkenntnis, dass es nicht allein ausreicht, sich auf eine Verbesserung der Durchlässigkeit zu konzentrieren. Vielmehr braucht es eine weitergehende Verzahnung im Sinne hybrider Angebote, die über den Lebenslauf hinweg und in einem sich stetig verändernden Arbeitsmarkt anschlussfähig sind und es ermöglichen, beide Systeme kennenzulernen, bevor man weitere bildungsbiografische Entscheidungen trifft. Das duale Studium ist nur eine der möglichen Gestaltungsvarianten im wachsenden Überschneidungsbereich zwischen beruflicher und akademischer Bildung, die auch nur bestimmte Zielgruppen bedient und hohe Eingangshürden hat. Hinzukommen müssen niedrigschwelligere Formate, die sich an die Breite der Schulabsolventen richten und ihnen eine erfahrungsbasierte Entscheidung zwischen Berufsbildung und Studium ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund fördert der Stifterverband seit 2016 die Umsetzung von Pilotprojekten, die das Modell einer studienintegrierenden Ausbildung in der Praxis erproben. Entwickelt wurde das Modell von Dieter Euler, Professor (emeritiert) für Wirtschaftspädagogik und Bildungsmanagement an der Universität St. Gallen, und Eckart Severing, Professor für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Organisationspädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, im Rahmen der Initiative Chance Ausbildung der Bertelsmann Stiftung. Die hier vorgestellten Pilotprojekte sind jeweils von partikularen Problemlagen ausgehend geplant und umgesetzt worden, aber ihre Beispiele weisen über den Einzelfall hinaus: Sie sind Modelle einer möglichen neuen Kooperation von akademischer und beruflicher Bildung in Deutschland. Im Vordergrund steht dabei nicht der Wettbewerb zwischen den beiden Bildungsbereichen um geeignete Schulabsolventen und um Stellenallokationen auf dem Arbeitsmarkt. Das Modell der studienintegrierenden Ausbildung versteht sich als eine innovative Gestaltungsoption im wachsenden Überschneidungsbereich zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Die Publikation stellt das Modell in den Kontext der Strukturentwicklung des tertiären Sektors, schildert die bisherigen Erfahrungen in den Pilotprojekten und skizziert mögliche künftige Entwicklungslinien.

Dieter Euler, Volker Meyer-Guckel, Eckart Severing (Hrsg.):
Studienintegrierende Ausbildung
Edition Stifterverband
Essen 2019
132 Seiten
ISBN: 978-3-922275-85-5

Aus dem Inhalt

Potenziale der beruflich-akademischen Bildung
Von der Durchlässigkeit zur Verzahnung
Neue Bildungsformate – Bildungspolitische Sicht
Abschied vom Bildungsschisma?

Bildungsformate im internationalen Vergleich
Vereinigtes Königreich: Formate beruflich-akademischer Verzahnung
Höhere Berufsbildung am Beispiel Kanada
Niederlande: Durchlässigkeit zwischen Berufs- und Hochschulbildung

Modelle hybrider Bildungsformate
Berufliche Fortbildung in integrativen Bildungsangeboten
Kooperationsmodell der Fachhochschule des Mittelstandes
Modell der studienintegrierenden Ausbildung
Durchlässigkeit in der Polizeiausbildung in Brancenburg
Versicherungswirtschaft – Der dritte Weg
Integration von Studienelementen in die berufliche Bildung

Ausbilick
Status quo und Perspektiven

 

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