Primus-Preis

Mit dem Primus-Preis hat die Stiftung Bildung und Gesellschaft zivilgesellschaftliche Initiativen mit Vorbildcharakter auszeichnet, die engagiert und in Partnerschaft mit lokalen Akteuren und Institutionen eine konkrete Herausforderung im Bildungssystem aufgreifen. Das Ziel: nachahmenswerte Projekte überregional bekannt machen.

Primus-Preis auf der Website der Stiftung Bildung und Gesellschaft

Wahl zum Primus des Jahres 2020

Zwölfmal wurde der mit 1.000 Euro dotierte Primus des Monats im Jahr 2020 verliehen. Ausgezeichnet wurden Initiativen, die noch wenig bekannt bzw. nur regional aktiv sind. Diese kleinen, oft unbekannten Initiativen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, werden vor Ort gebraucht. Sie finden ganz individuelle Antworten auf die jeweils besonderen Herausforderungen einer Region und gestalten zusammen mit den Kitas oder Schulen das Bildungssystem da weiter, wo die staatlichen Akteure an ihre Grenzen stoßen. Bewerben können sich Initiativen unabhängig von einer konkreten Themenstellung.

Vom 15. März 2021, 12:00 Uhr, bis 16. März 2021, 12:00 Uhr, findet die Wahl zum Primus des Jahres 2020 in Form eines SMS-Votings statt. Alle Interessierten sind aufgerufen, bei der Abstimmung mitzumachen.  Jedes prämierte Projekt hat somit noch einmal die Möglichkeit, ein Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro (1. Platz) oder 1.000 Euro (2. und 3. Platz) zu gewinnen.

Die Details zum Ablauf der Wahl werden noch rechtzeitig an dieser Stelle bekannt gegeben.

Die im Jahr 2020 ausgezeichneten Projekte

Januar: Kinder lesen Katzen vor

Foto: Tierschutzverein für Berlin e.V./Clara Rechenberg

Bei dem Projekt des Tierschutzvereins für Berlin e.V. üben Mädchen und Jungen Lesen und gewinnen nebenbei das Vertrauen von Tierheimkatzen.

Katzen sind sehr aufmerksame Zuhörer. Sie lauschen geduldig dem Klang der Stimme, und es macht ihnen nichts aus, wenn der Lesefluss einmal ins Stocken gerät. Damit sind sie das ideale Publikum für Kinder, die mit dem Lesen Probleme haben und so eine schöne Gelegenheit zum Üben bekommen.

Mit diesem Förderprojekt der besonderen Art können Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren nicht nur regelmäßig ihre Lesefähigkeit verbessern. Zugleich stärken sie ihre sozialen Kompetenzen und lernen den Tierschutz kennen. Das Vorlesen wirkt beruhigend auf die Katzen, die mitunter zuvor schlechte Erfahrungen gesammelt hatten und nun erst wieder langsam Vertrauen zu Menschen aufbauen.

Einmal in der Woche kommt ein Kind ins Katzenhaus des Berliner Tierheims, um für eine halbe Stunde einem Stubentiger vorzulesen. Während dieser Zeit ist es alleine mit dem Tier, also ungestört ohne Erwachsene. Wenn die Mädchen und Jungen das erste Mal teilnehmen, werden zunächst gemeinsam ein paar Regeln für das Verhalten während der Vorlesezeit aufgestellt. Nach jeder Leseeinheit gibt es Feedback sowie einen Stempel auf einer Zehnerkarte und am Ende der Reihe dann eine Urkunde.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Das Projekt "Kinder lesen Katzen vor" wird in den Jahren 2020 und 2021 von der Stiftung Berliner Sparkasse gefördert und finanziert sich darüber hinaus wie die Tierschutzarbeit generell aus Spenden.

"Die Kinder nehmen ein positives Erlebnis mit, wenn sie in entspannter Atmosphäre und in ihrem eigenen Tempo üben, um ihre Lesefähigkeit zu verbessern", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Und die Tierheim-Katzen freuen sich über den Besuch und die Zuwendung." Das nun mit dem Primus des Monats Januar ausgezeichnete Projekt ist auf überwältigendes Interesse gestoßen, so dass der Berliner Tierschutzverein eine Warteliste einführen musste.

Mehr Info zum Projekt auf der Website des Tierschutzvereins für Berlin

Februar: Leben im Abseits

Foto: Leben im Abseits e.V.

Was heißt es, ein Leben auf der Straße zu führen? Mit Aufklärungsarbeit erreicht der Leben im Abseits e.V. Jugendliche aus Norddeutschland, um sie für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren.

Alleine in Hamburg leben offiziell rund 2.000 Menschen auf der Straße. Die Dunkelziffer dürfte aber vier- bis fünfmal höher liegen. Viele Obdachlose sind schon als Jugendliche auf der Straße gelandet, oft aus familiären Gründen wie Gewalt, Missbrauch und sozialer Vernachlässigung. Was bedeutet es konkret, kein Dach überm Kopf zu haben? Der im Großraum Hamburg verwurzelte Verein "Leben im Abseits" will Schülerinnen und Schülern zeigen: Hinter dem Elend stehen menschliche Schicksale.

In einer Projektwoche mit Abiturienten des Johan-Rist-Gymnasiums aus Wedel etwa ging es darum, eine Ausstellung zu Obdachlosigkeit und Armut in Hamburg zu gestalten: Wie werden Menschen obdachlos? Und wie kann man Obdachlosen helfen? In mehreren Workshops in einer Tagesstätte für bedürftige Menschen nahe der Reeperbahn, mit einer Sozialarbeiterin und mit Polizisten der Davidwache haben die Jugendlichen mehr zu den Hintergründen gelernt. Und in einem beeindruckenden Gespräch mit einem obdachlosen Mann haben sie aus erster Hand erfahren, was es heißt, seit fast 30 Jahren auf der Straße zu leben.

Viele Schülerinnen und Schüler haben sich nach der Projektwoche in Tagesstätten und Kleiderkammern engagiert oder unterstützen den sich komplett aus Spenden finanzierenden Verein "Leben im Abseits". Die Jugendlichen haben sich allgemein für das Thema bemerkenswert offen gezeigt. Für manche Abiturienten hat diese Erfahrung auch die eigene Zukunftsplanung beeinflusst, indem sie sich etwa für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden haben. Zukünftig plant der Verein, auch mit Grundschulen zusammenzuarbeiten, denn auch kleine Kinder treffen auf dem Schulweg auf obdachlose Menschen, werden mit ihren Fragen aber oft alleine gelassen.

"Die Projekte von 'Leben im Abseits' wirken der Stigmatisierung von Bedürftigkeit und Obdachlosigkeit entgegen", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. Der Primus-Preis würdigt die Bildungsarbeit zum Umgang mit Armut und Not in einer eigentlich reichen Gesellschaft – und dass es gelingt, Berührungsängste zu überwinden. Birgit Ossenkopf: "Die Schülerinnen und Schüler, die an einer Projektwoche teilgenommen haben, sehen Obdachlose nun mit anderen Augen."

Mehr Info auf der Website zum Projekt

März: Zeig was du kannst

Foto: Julia Kissmann

Das Projekt des gemeinnützigen Sunrise e.V. Magdeburg vermittelt jungen Menschen Werte – und dass sie selbst wertvoll sind.

In nur acht Wochen haben rund 20 Jugendliche im Alter zwischen zehn und 17 Jahren das Stück "Die wertvolle Kette" eigenständig entwickelt und zur Aufführung gebracht. In Workshops haben sie selbst die Themen festgelegt, Szenen und Musikstücke geschrieben und die Choreografie eingeübt. Der Begriff Werte spielte dabei eine zentrale Rolle: Alle Jugendlichen haben sich eine Bühnenfigur überlegt und was ihr so wichtig wäre, dass sie dafür kämpfen würde. So entstand die "wertvolle Kette", ein symbolhafter Schatz, der dem Stück den Namen gab.

Die Kursleitung leitete ihre Schützlinge nur soweit an, dass sie selbst aktiv werden konnten. Dazu gehörte auch das Drumherum: das Design eines Plakates für die Aufführung sowie die Bühnentechnik.

Geprobt und gespielt wurde in der Villa Wertvoll, einem Kulturzentrum, an dem die Kinder und Jugendliche aus dem Magdeburger Problemviertel Neue Neustadt ihre künstlerischen Fähigkeiten entdecken und entfalten können. Es ist eines der wenigen außerschulischen Angebote für die Jugendlichen vor Ort – trotz hohen Bedarfs an Förderung insbesondere für Mädchen und Jungen, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen.

Der Theaterworkshop, der im Herbst 2019 stattfand, war nur die erste Projektphase. "Fast alle der beteiligten Jugendlichen haben sich bereits für das nächste, längerfristig angelegte Projekt angemeldet", berichtet Alexander Heinrich von Sunrise Magdeburg. Denn es geht darum, Bindungen aufzubauen: "Trotz der Kürze des ersten Projektes haben wir bereits erlebt, dass Jugendliche nach Problemen zuhause oder in der Schule die Villa Wertvoll als sicheren Raum für Gespräche gesucht und gefunden haben."

"Das Vertrauen und die kreative Arbeit stärken das Selbstwertgefühl und ermutigen die Kinder und Jugendlichen darin, dass sie selbst etwas schaffen können", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Dies ist ein wichtiger Schritt für sie, um dann selbst aktiv ihr Umfeld und ihre eigene Zukunft zu gestalten."

Mehr Info zum Projekt auf der Website der Villa Wertvoll
Website des Sunrise e.V. Magdeburg
Video zum Projekt auf YouTube

April: Gemeinsam im Sport mit Menschen mit einer geistigen Behinderung

Foto: Gesundheits- und BehindertenSportGemeinschaft (GBSG) Herford

Das Projekt der GBSG Herford (Ostwestfalen) macht sich seit Jahren um Inklusion im Sport verdient.

Es gibt meist wenig Berührungspunkte zwischen Schülern und geistig Behinderten – doch der Sport bietet eine Chance, Barrieren im Kopf abzubauen. An dem zweitägigen Projekt der Gesundheits- und BehindertenSportGemeinschaft (GBSG) Herford nehmen Realschüler oder Gymnasiasten der 8. und 9. Klasse teil. Zunächst informiert Projektleiterin Sandra Pohlmann, eine examinierte Ergotherapeutin, die Jugendlichen darüber, wie sich die Einschränkungen ausprägen und wie sie das für sie fremde Verhalten der Behinderten einordnen können.

Nach dieser theoretischen Vorbereitung planen die Schüler dann eine Sportstunde, die sie gemeinsam mit Menschen mit Handicap abhalten. "Die Schüler können sich gut auf die einzelnen Personen einstellen, an den richtigen Stellen motivieren oder gegebenenfalls Hilfestellung leisten", berichtet Sandra Pohlmann, die Erste Vorsitzende der GBSG Herford. "Die behinderten Sportler freuen sich sehr über die für sie nicht selbstverständliche Zuwendung und sind höchst motiviert."

Am zweiten Projekttag lernen die Schüler bei einem Besuch einer Werkstatt für Behinderte den Arbeitsalltag der Menschen kennen, mit denen sie zuvor Sport getrieben hatten. Die Schüler können sehen, welche Arbeiten trotz Behinderung möglich sind und wie wichtig diese Arbeit für jeden einzelnen ist. Sie werden dabei auch über die Möglichkeiten informiert, ein freiwilliges soziales Jahr oder Schülerpraktika in diesem Bereich zu leisten.

Das nun ausgezeichnete Projekt unterstützt wichtige Bildungsziele, indem es Toleranz, Respekt und Teilhabe von Behinderten am gesellschaftlichen Leben über den Sport vermittelt. "Davon profitieren nicht nur die Schüler, die oft zum ersten Mal mit geistig behinderten Menschen in Kontakt kommen", erklärt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Diese Art der aktiven Inklusion ist auch für die Menschen mit Handicap etwas Besonderes, da solche Begegnungen nicht unbedingt zu ihrem Alltag gehören."

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Mai: Ein Zwischenraum für Schulverweigerer

Foto: Lebensnahes Lernen e.V.

Ein Projekt aus Mannheim fängt Kinder und Jugendliche auf, die Gefahr laufen, in der Schule und damit auch im Leben abgehängt zu werden.

Bevor jemand die Schule abbricht, gibt es meist eine längere Vorgeschichte: Schlechte Erfahrungen wie Ausgrenzung, Frust oder schwierige familiäre Verhältnisse können eine Rolle spielen, wenn Kinder und Jugendliche im Bildungssystem den Anschluss verlieren. Oft mündet Schulverweigerung in Sucht oder Kriminalität. Hier setzt das 2018 gestartete Präventivprojekt des gemeinnützigen Vereins Lebensnahes Lernen e.V. an: Er will gefährdeten Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen sieben und 17 Jahren einen Ort geben, an dem sie ihre Perspektivlosigkeit ein Stück weit überwinden können.

"Ein Zwischenraum für Schulverweigerer" heißt das Projekt: In einer Präventivgruppe kommen bis zu fünf Kinder und Jugendliche zusammen. Sie gehen zwar noch regelmäßig zur Schule, beteiligen sich aber nicht mehr aktiv am Unterricht – und benötigen einen Impuls von außen, um nicht abzudriften: Ihnen bietet sich nun die Chance, neue Erfahrungen zu sammeln und selbst etwas zu gestalten. Über einen Zeitraum von drei Monaten arbeiten und lernen sie projektorientiert, indem sie sich praktisch, handwerklich oder künstlerisch betätigen. Dabei wird individuell auf ihre Interessen eingegangen und auch auf selbstständiges Arbeiten gesetzt. Falls nötig, kann versäumter Unterrichtsstoff nachgeholt werden.

Im vergangenen Jahr hat der Verein für das Projekt ein Häuschen angemietet und eine Werkstatt eingerichtet. Es befindet sich in der Nähe des Niederbrücklplatzes – einem lange Zeit verwahrlosten Ort in Mannheim-Neckarau, den die Jugendlichen nun nachhaltig beleben wollen. Auf einer 1.000 Quadratmeter großen, von der Stadt verpachteten Fläche, soll ein außerschulischer Lernort entstehen. Die Kinder und Jugendlichen erleben sich hier als Gestalter ihrer Umwelt, sie erhalten Anerkennung und übernehmen Verantwortung.

Die Preisjury beeindruckte insbesondere der präventive Ansatz, denn das prämierte Projekt holt die Heranwachsenden frühzeitig ab und stabilisiert sie in einer für sie schwierigen Phase. "Der Zwischenraum ist für die gefährdeten Schülerinnen und Schülern ein Ort, an dem sie ernst genommen und ihre Fähigkeiten gefördert werden", erklärt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Mit gestärktem Selbstbewusstsein kann dann die weitere Schullaufbahn wieder erfolgreicher gestaltet werden."

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Video-Beitrag zum Projekt auf ARTE
Video zum Projekt auf YouTube

Juni: Extremislos glücklich

Foto: Extremislos e.V.

Seit seiner Gründung vor drei Jahren möchte der in Schleswig-Holstein beheimatete Verein Extremislos e.V. Kinder und Jugendliche gegen extremistische Tendenzen immunisieren.

Zu den Aktivitäten des Vereins zählt die Aufklärung über politische und religiöse Verblendung, ebenso wie das Aufzeigen von Möglichkeiten für den Ausstieg aus einer radikalen Szene. Das nun ausgezeichnete Projekt "Extremislos Glücklich" ist eine Mischung aus Sport, Kompetenztraining und Information. Dabei wendet es sich gleichermaßen gegen Rechts- und Linksextremismus wie gegen Islamismus.

In Workshops setzen sich Schülerinnen und Schüler mit fundamentalistischem Verhalten auseinander, der ihnen auch im Alltag begegnet. Sie lernen, wie sie mit Gewalt und Intoleranz in ihrem Umfeld ungehen und sich für Schwächere einsetzen können. Das Ziel ist, Jugendliche dafür zu gewinnen, in kritischen Situationen Zivilcourage zu zeigen und für eine demokratische Haltung einzustehen.

Der noch junge Verein hat bereits zahlreiche Projekte an Schulen in den Regionen Lübeck und Ostholstein durchgeführt und ist darüber hinaus mit Anti-Gewalt-Trainings unterwegs. Überregional spricht die Initiative Jugendliche auch über soziale Medien wie YouTube, Facebook, Instagram und Twitch an.

"Extremislos ist einer der wenigen Vereine, die in ihrer Arbeit die Themen Gewaltprävention explizit mit den politischen und religiösen Dimension von Extremismus verknüpfen", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. Die Preisjury unterstützt durch die Auszeichnung mit dem Primus-Preis diesen Ansatz, um eine demokratische Schulkultur zu fördern. Birgit Ossenkopf: "Besonders wichtig ist es dabei, Jugendliche zu befähigen, selbst standhaft für Offenheit und Toleranz einzutreten."

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Juli: Lernraum der Kindertafel im Lüneburger Paul-Gerhardt-Haus

Foto: Carolin George/Paul-Gerhardt-Gemeinde Lüneburg

Seit 25 Jahren gibt es in der evangelisch-lutherischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde die "Kindertafel": An allen Schultagen erhalten Mädchen und Jungen gemeinsam Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Lernförderung und Freizeitangebote. Doch während der Corona-Pandemie war solch eine Gruppenbetreuung nicht mehr möglich. Das Team der Kindertafel hat sich aber für die Kinder etwas einfallen lassen und einen "LernRaum" eingerichtet.

"Täglich können bis zu 36 Grundschulkinder in 1:1-Begleitung durch ehrenamtlich Engagierte ihre Aufgaben aus der Schule erledigen", erklärt Diakonin Antje Stoffregen. Großer Wert wird dabei nicht nur auf die gebotenen Hygiene- und Abstandsregeln gelegt. "Das Modell ist in Absprache mit den Grundschulen vor Ort entstanden, mit denen wir auch sonst eng zusammenarbeiten", berichtet Antje Stoffregen.

Durch den Kontakt mit den Lehrkräften können die Schülerinnen und Schüler passgenau gefördert werden. Während die normale Kindertafel geschlossen bleiben muss, erhalten im LernRaum insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien qualifizierte Lernunterstützung. Bei ihnen stößt Homeschooling oft an seine Grenzen, etwa aufgrund von Sprachbarrieren oder weil es an einem Raum für ungestörtes Lernen mangelt.

Zu den Lernpaten, die die Kinder unterstützen, zählen auch Studierende der Leuphana Universität Lüneburg über das Mentorat der Landeskirche Hannover. Sie erhalten auf diese Weise die Möglichkeit, Praxiserfahrungen zu sammeln. Neben den Eltern, die entlastet werden, profitieren vor allem natürlich die Mädchen und Jungen – und wie sich gezeigt hat, sind sie sehr motiviert, trotz Schulausfalls weiter zu lernen.

"Der LernRaum der Kindertafel im Paul-Gerhardt-Haus sorgt für ein Stück Bildungsgerechtigkeit", sagt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. Die Jury des Primus-Preises honoriert damit ein spendenfinanziertes Projekt, das gerade diejenigen erreicht, die besonders von den Einschränkungen im Schulbetrieb betroffen sind. Birgit Ossenkopf: "Für sie kommt es jetzt darauf an, bei der Bildung den Anschluss nicht zu verlieren."

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August: Lichthaus Zwickau

Foto: Lichthaus Zwickau e.V.

Neuplanitz ist eine "Platte", die in den 1970er-Jahren hochgezogen wurde. Nach der Wende verlor der Zwickauer Stadtteil mehr als die Hälfte seiner einst 20.000 Einwohner. Doch Neuplanitz sucht seine Perspektive und packt selbst an: Der Verein Lichthaus Zwickau bündelt als Träger der freien Jugendhilfe eine Reihe von Angeboten für junge Menschen im Viertel.

Im Zentrum steht die Arbeit mit Schülern unterschiedlicher Altersstufen im Stadtteil, damit sie eine bessere berufliche und persönliche Zukunft haben. Dazu gehören Angebote wie Hausaufgabenhilfe von der ersten bis zur zehnten Klasse, die in Zeiten von Corona als "Schule to go" online stattfindet. Ehrenamtliche geben Deutschkurse. Es wird gemeinsam gekocht. Mütter mit Kindern treffen sich im Frauencafé. In der "BikeBox" werden gemeinsam mit Jugendlichen Fahrräder repariert, und in einem Gemeinschaftsgarten wachsen Kräuter und Gemüse. Das Programm wird weiter ausgebaut, unter anderem mit einem Mädchentreff und einem Gewaltpräventionsprojekt. Für den 5. September 2020 ist ein Straßenfest mit kreativen und sportlichen Angeboten geplant.

"Gemeinsam einen Ort gestalten, an dem alle Menschen willkommen sind", lautet die Vision des aus dem "CrossCulture"-Flüchtlingsprojekt 2018 hervorgegangenen Vereins. Er will Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, ihr eigenes Potenzial zu entdecken und somit "stark für das Leben" zu werden. Ein zweiter Projektstandort in der Zwickauer Innenstadt ist für 2021 in Planung.

"Das Lichthaus gibt ein tolles Beispiel dafür, wie in einem Stadtteil viele daran arbeiten, dass es gemeinsam wieder nach vorne geht", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Die Einbindung der Jugendlichen und der Aspekt der Bildung spielen dabei eine Schlüsselrolle, und hier liefert das Projekt vielversprechende Ansätze für eine nachhaltige, positive Entwicklung."

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September: Azubi-Tandems

Foto: Fritz Bielmeier/CampusAsyl e.V.

Dank einer Initiative des CampusAsyl e.V. aus Regensburg erhalten Geflüchtete individuelle Lernunterstützung während ihrer Ausbildungszeit.

Die Integration von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, ist eine große Aufgabe für die Gesellschaft – und sie gelingt konkret in vielen kleinen Projekten. Ein Beispiel dafür sind die "Azubi-Tandems", die der Stiftung Bildung und Gesellschaft nun preiswürdig erschienen. Seit Januar 2019 bekommen junge Geflüchtete, die eine Ausbildung absolvieren oder eine Berufsschul-Vorklasse besuchen, Lernpaten an die Seite, meist Regensburger Studierende. So haben sich Tandems gebildet, die gemeinsam auf den Bildungserfolg hinarbeiten.

Azubis und Tutoren treffen sich normalerweise einmal die Woche für anderthalb Stunden. Wie sie diese Zeit gestalten, steht ihnen frei, ebenso die Wahl von Lernschwerpunkten und -methoden. Auch persönliche Probleme können besprochen werden. Das Projekt kommt vor allem denjenigen zugute, die aufgrund ihres asylrechtlichen Status keine anderen Unterstützungsangebote bewilligt bekommen. Die größte Gruppe unter den 43 derzeit teilnehmenden Auszubildenden stammt aus Afghanistan. Außerdem sind junge Menschen aus dem Irak, Somalia, Äthiopien, Mali, Pakistan, Liberia, Eritrea und Syrien mit dabei.

CampusAsyl hat die deutschen Tandempartner in Schulungen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Das Angebot stößt bei den Ehrenamtlichen auf große Resonanz. Nur so konnte schon nach kurzer Zeit eine vergleichsweise hohe Zahl an Lerntandems zusammenfinden. Ziel ist es, dass die Azubis erfolgreich in den Beruf starten können. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab, so der gemeinnützige CampusAsyl e.V. Er ist zurzeit der größte ehrenamtliche Akteur in Ostbayern für die Koordinierung von Begegnungsprojekten. Seit seiner Gründung im Jahr 2015 ist er zu einem professionell geführten Verein mit rund 300 Freiwilligen avanciert, die sich der partnerschaftlichen Arbeit mit Geflüchteten verpflichtet sehen.

"Die Azubi-Tandems wirken praxisorientiert genau da, wo Angebote bislang fehlten", meint Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. Hervorzuheben sei auch, dass das Projekt eng mit den Berufsschulen vernetzt sei und keine Parallelstrukturen aufgebaut habe. Birgit Ossenkopf: "Bildung kann geflüchteten Menschen – egal welchen Alters – eine Perspektive für ein neues Leben eröffnen."

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Oktober: Schulkids in Bewegung

Foto: SC Eschborn 2016 e.V.

Der SC Eschborn 2016 e.V. aus dem hessischen Main-Taunus-Kreis will Grundschulkindern näher bringen, wie wichtig es ist, sich regelmäßig zu bewegen.

Sport im Verein oder einfach mal draußen herumtoben ist für viele Kinder heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Ganztagsunterricht und andere Aktivitäten am Nachmittag schlucken viel Zeit, die nicht mehr für Bewegung zur Verfügung steht. Das kann Auswirkungen auf die motorischen Fähigkeiten haben. Auch Übergewicht ist bei Kindern keine Ausnahme mehr. Der SC Eschborn 2016 aus der Nähe von Frankfurt am Main will dieser Entwicklung entgegenwirken und hat deshalb gemeinsam mit vier Partnerschulen ein spezielles Angebot realisiert.

Beim Projekt "Schulkids in Bewegung" ist der Name Programm: Zusätzlich zum normalen Sportunterricht gibt es vormittags – an Schultagen und in der Turnhalle – eine weitere Doppelstunde Sport. Hier zählen aber keine Noten, sondern es geht vor allem um den Spaß an der Bewegung, um das Gemeinschaftsgefühl und um Fairness. Das Projekt ist auf Erstklässler zugeschnitten. Das Ziel: Kinder schon in jungen Jahren davon zu überzeugen, wie wichtig Bewegung für das eigene Wohlbefinden ist.

In den Einheiten lernen die Mädchen und Jungen viele verschiedene Sportarten kennen und finden heraus, was sie interessiert und wo ihre Stärken liegen. Zwei geschulte Übungsleiter betreuen im Moment wöchentlich 14 Klassen mit insgesamt rund 280 Kindern. Das Projekt, das 2017 in Zusammenarbeit mit dem Sportkreis Frankfurt entstanden ist, hat schon viele Schülerinnen und Schüler dazu gebracht, Sport für sich zu entdecken und sich teilweise auch bei einem Verein anzumelden.

"Den Bildungsauftrag, der dem Sport beikommt, darf man nicht unterschätzen", sagt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. Die "Schulkids in Bewegung" zeigten in vorbildlicher Weise auf, wie man Sport jungen Menschen näher bringen kann. "Neben der Fitness stärkt das Projekt ganz nebenbei auch die sozialen Kompetenzen."

November: Volkssternwarte Laupheim

Foto: SFZ Landkreis Biberach

Die Volkssternwarte Laupheim (Landkreis Biberach) führt Kinder und Jugendliche über die Astronomie an die Wissenschaft heran.

Milchstraße 1 lautet passenderweise die Anschrift von Sternwarte und Planetarium in Laupheim, die jedes Jahr rund 35.000 Menschen besuchen. Darunter auch viele Schüler: Seit 1977 gibt es eine Jugendgruppe, die ehrenamtliche Mitarbeiter mit der Erforschung des Universums bekannt machen. Seit 2017 ist die Einrichtung Teil des Schülerforschungszentrums Südwürttemberg. Aktuell unterstützt die Volkssternwarte Jugendliche dabei, im Rahmen der Wettbewerbe "Jugend forscht" und "Schüler experimentieren" eigene kleine Forschungsprojekte umzusetzen.

Themen, die die Schüler bearbeiten, sind unter anderem die Entwicklung eines Marsrovers zur Erkundung unseres Nachbarplaneten, wie die Biosphäre einer künftigen Siedlung auf dem Mars aussehen könnte und welche Auswirkungen das viele Licht, das unsere Zivilisation in den Nachthimmel strahlt, auf Menschen und Tiere hat.

Schulen aus der Region, aber auch Jugendliche selbst nehmen Kontakt zur Sternwarte auf und bringen gleich eine konkrete Projektidee mit. Außerdem gehen die Astronomen auch an die Bildungseinrichtungen vor Ort. Ziel ist es, junge Menschen für die faszinierende Welt der Sterne und Planeten zu begeistern und an wissenschaftliches Arbeiten heranzuführen. Die Mitarbeiter der Sternwarte verstehen sich dabei als "Möglichmacher" und sorgen für Räume, Material und Finanzierung. Nach einer Anlaufphase geben die Betreuer die Projekte weitgehend in die Hand der Kinder und Jugendlichen, die dabei lernen, Verantwortung für ihre eigene Forschung zu übernehmen. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zwei Schülerinnen ist es beispielsweise gelungen, mit einfachen Mitteln die Temperatur und die Entfernung von Sternen zu bestimmen und dadurch den Regionalsieg bei „Jugend forscht“ in Ulm zu holen. Doch die Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit ist derzeit in Gefahr: "Leider sind aufgrund massiver Einnahmeausfälle bedingt durch Corona unsere Projekte akut gefährdet", berichtet Rolf Stökler, der sich als Lehrer bei der Volkssternwarte Laupheim engagiert.

"Sternenkunde ist die älteste Wissenschaft der Welt – Astronomieunterricht an deutschen Schulen aber die Ausnahme", erklärt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft. "Die Volkssternwarte schließt nicht nur Bildungslücken und weckt bei Jugendlichen Interesse für das Weltall, sondern führt sie auch an erste eigene Forschungsprojekte heran – und leistet im Kleinen Großes."

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Dezember: Zivilcourage für ALLE

Der Verein "Zivilcourage für ALLE" aus München hat das namensgebende Thema mit Trainings an die Schulen gebracht.

Das Schicksal von Dominik Brunner hat viele Menschen bewegt. Im September 2009 hatte der 50-Jährige an einem S-Bahnhof in München vier jüngere Schüler schützen wollen, die von zwei Jugendlichen bedroht wurden. Es kam zu einer körperlichen Auseinandersetzung, nach der Brunner verstarb. Der Vorfall gab den Impuls zur Gründung des Zivilcourage für ALLE e.V. im Mai 2010, der sich mit Information und Trainings für mutiges Handeln stark macht – für den Fall, dass man Zeuge wird, wenn andere Menschen Opfer von Gewalt zu werden drohen.

Seit gut zehn Jahren vermittelt der in München ansässige Verein Kompetenz, um sich in riskanten Situationen für Schwächere einzusetzen, ohne sich selbst und andere zu gefährden. Die Theorie fußt auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und geht Hand in Hand mit praktischen Übungen. Solche Schulungen hat "Zivilcourage für ALLE" nicht nur für die Erwachsenenbildung konzipiert, sondern insbesondere auch für weiterführende Schulen ab der achten Jahrgangsstufe entwickelt.

Altersgerecht und praxisnah durch Rollenspiele erfahren die Jugendlichen in einem halbtägigen Zivilcourage-Schultraining, wie sie in brenzligen Situationen eingreifen können. Themen wie Mobbing oder Stammtischparolen, aber auch die psychologischen Hintergründe von Hilfe kommen bei den Schulungen zur Sprache. Die Trainings sind methodisch abwechslungsreich, mit Diskussionen, Vorträgen, Arbeit in Kleingruppen und Übungen. Der Aktionsradius des 20-köpfigen Vereins ist bislang hauptsächlich München und Umgebung. Zunehmend gibt es aber auch Anfragen aus anderen Regionen Bayerns. Bis zur Corona-Pandemie haben rund 20 Trainings pro Jahr in Kooperation mit Schulen stattgefunden.

"Diese wertvolle Initiative führt vor Augen, dass Zivilcourage auch zu einer umfassenden Bildung gehört", erklärt Birgit Ossenkopf, Geschäftsführerin der Stiftung Bildung und Gesellschaft, über den 100. Primus-Preisträger. "Es wäre schön, wenn solche Trainings an Schulen einen festen Platz einnähmen, ähnlich wie Erste Hilfe oder Verkehrserziehung."

Mehr Info auf der Website zum Projekt

Bewerbungen um den Primus-Preis sind derzeit nicht möglich.

Kontakt

Dr. Birgit Ossenkopf

ist Referentin im Bereich "Programm und Förderung".

T 030 322982-531

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