Private Hochschulen

Entwicklungen im Spannungsfeld von akademischer und gesellschaftlicher Transformation

Im Jahr 2010 veröffentlichte der Stifterverband eine Studie zur "Rolle und Zukunft privater Hochschulen in Deutschland". Sie zeigte Entwicklungstrends auf und formulierte Handlungsempfehlungen an Hochschulen und die Politik. Sie beschrieb die Landschaft privater Hochschulen anhand von fünf Typen: Spezialisten, Humboldtianer, Aufwerter, Flexible und Berufs­orientierte. Die gewählten Kategorien orientierten sich an den Zielgruppen, Studienformen, Fächerprofilen und dem Abschlussspektrum. Seitdem sind zehn Jahre vergangen.

In der im Juni 2020 erschienenen Studie wirft der Stifterverband daher einen erneuten Blick auf den Sektor privater Hochschulen und untersucht, wie sich der Sektor auch unter Berücksichtigung von Transformations­prozessen im gesamten Hochschulwesen, in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt entwickelt. Die Studie wurde von der STIFTUNG VAN MEETEREN gefördert.

Das erste Kapitel zeichnet die quantitative Entwicklung des privaten Hochschulsektors in den vergangenen zehn Jahren nach und zeigt Veränderungen in den im Rahmen der Vorgängerstudie definierten Typen auf. Das zweite Kapitel beleuchtet den Beitrag privater Hochschulen zum Gesamthochschulsystem und skizziert Stärken und Schwächen. Das dritte Kapitel betrachtet die Rahmenbedingungen für private Hochschulen in Deutschland. Zusätzlich schlägt es Brücken zu Veränderungspfaden in der gesamten deutschen Hochschullandschaft angesichts von Anpassungsprozessen an gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen. Das vierte Kapitel analysiert Entwicklungsperspektiven des privaten Hochschulsektors anhand vier verschiedener Beispiele. Das fünfte Kapitel formuliert Empfehlungen für den Sektor privater Hochschulen sowie für die Hochschullandschaft insgesamt.

Andrea Frank, Antonia Kröger, Julia Krume, Volker Meyer-Guckel:
Private Hochschulen

Edition Stifterverband: Essen 2020
ISBN: 978-3-922275-94-7
60 Seiten

 
Das interaktive Datenportal
des Stifterverbandes bietet einen Überblick über die private Hochschullandschaft in Deutschland sowie detaillierte Analysen, aufgeschlüsselt nach Bundesländern, den einzelnen Hochschulen und ihrer Trägerschaft. Auch die Rohdaten stehen zur weiteren Nutzung zur Verfügung.
Zum Datenportal

 

Kernergebnisse der Studie

Der Sektor privater Hochschulen wächst

Private Hochschulen sind wichtige Akteure im deutschen Hochschulsystem. Seit 2010 haben sie sich quantitativ deutlich entwickelt. Die Zahl der Hochschulen ist von 90 Hochschulen in 2010 auf 106 Hochschulen angewachsen. Die Studierendenzahlen haben sich mehr als verdoppelt. Mittlerweile studieren 244.000 Studierende und damit 8,5 Prozent aller Studierenden an einer privaten Hochschule. Auch die Zahl der Professuren ist von 1.700 im Jahr 2010 auf 3.600 im Jahr 2018 gestiegen. Mit durchschnittlich 2.300 Studierenden sind private Hochschulen jedoch deutlich kleiner als ihre staatlichen Dependants. Die inhaltliche Fokussierung privater Hochschulen hat sich seit 2010 kaum verändert. Knapp 70 Prozent der Studierenden studieren ein Fach im Bereich Wirtschafts-, Rechts-und Sozialwissenschaften.

Der Sektor privater Hochschulen verändert sich strukturell

Der private Hochschulsektor ist in den vergangenen zehn Jahren nicht nur gewachsen, sondern hat sich auch strukturell verändert. Der immense Zuwachs an Studierenden konzentriert sich insbesondere auf die Hochschulen, die schon 2010 überdurchschnittlich groß waren (zum Beispiel FOM Hochschule, die Internationale Hochschulen, Hochschule Fresenius oder SRH-Hochschule). Ein sichtbarer Trend der letzten Dekade ist dabei auch die Integration von einzelnen Hochschulen in Holdingstrukturen, große Bildungskonzerne und Filialisierung. Kleine private Hochschulen haben größere Schwierigkeiten, gewinnbringend zu wirtschaften. Dennoch gelingt es einigen von ihnen, durch eine kluge Besetzung einer thematischen Nische oder besondere Kooperationsmodelle am Markt erfolgreich zu sein.

Private Hochschulen konkurrieren vor allem mit den staatlichen Fachhochschulen

Der Großteil der Studierenden (mehr als 90 Prozent) ist an einer privaten Hochschule ohne Promotionsrecht eingeschrieben. Gefragt sind also insbesondere praxis- und arbeitsmarktorientierte Hochschulabschlüsse, wie sie auch die staatlichen Fachhochschulen anbieten. An den universitär geprägten Hochschulen studieren insgesamt lediglich sieben Prozent der Studierenden.

Die Überlappungen zwischen den Typen privater Hochschulen nehmen zu

Zur Beschreibung der privaten Hochschullandschaft nutzt die Studie fünf Typen: die Aufwerter, die Flexiblen, die Berufsorientieren, die Humboldtianer und die Spezialisten. Die Typologie wurde bereits in einer Studie aus dem Jahre 2010 genutzt und ermöglicht einen Zeitvergleich. Sie orientiert sich an den Zielgruppen, Studienformen, Fächerprofilen und Abschlussspektren. Mehr als die Hälfte der privat Studierenden studiert an den Berufsorientierten (51 Prozent). Dieser Hochschultyp verzeichnet damit auch den größten Zuwachs an Studierenden verglichen mit 2010 (36 Prozent). Die Flexiblen vereinen 26 Prozent der Studierenden auf sich und die Aufwerter 16 Prozent. Die Überlappungen zwischen diesen drei Profiltypen haben seit 2010 stark zugenommen. So lässt sich ein konvergierender Trend bezüglich der Fächerspektren
und Studienformen beobachten. Spezialisten und Humboldtianer bleiben stabil mit 4 Prozent beziehungsweise drei Prozent der Studierenden.

Private Hochschulen sind flexibel und praxisorientiert

Private Hochschulen zeichnen sich in der Breite durch ein großes Angebot an Studiengängen aus, das eine Vereinbarkeit von Studium mit diversen Lebenssituationen ermöglicht, insbesondere berufsbegleitende, Teilzeit- oder Fernstudienformate. So studieren 48 Prozent aller Teilzeit-und 41 Prozent aller Fernstudierenden in Deutschland an einer privaten Hochschule. Das wird insbesondere durch das Vorhalten von Online-Formaten möglich. Auch eine starke Praxisorientierung charakterisiert den Sektor. Die Studiengänge bereiten in der Regel auf klar definierte Berufsbilder vor und die Hochschulen sind in ein Netzwerk aus Unternehmen und anderen Praxispartnerinnen und Praxispartnern eingebunden.

Private und staatliche Hochschulen haben unterschiedliche Rahmenbedingungen

Hinsichtlich der Finanzierung bestehen große Unterschiede zu staatlichen Hochschulen. Private Hochschulen finanzieren sich insbesondere aus Studienbeiträgen (75 Prozent) und wirtschaftlicher Tätigkeit (11 Prozent); staatliche Hochschulen vor allem durch Trägermittel vom Land (73 Prozent) und Drittmittel (22 Prozent). Öffentliche Drittmittel spielen bei privaten Hochschulen bislang kaum eine Rolle. Das liegt zum einen daran, dass sie von einigen Bund-Länder-Programmen ausgeschlossen sind, aber auch an einer geringen Beteiligung privater Hochschulen an Ausschreibungen, bei denen sie zugelassen sind. Private wie auch staatliche Hochschulen durchlaufen mit ihren Studiengängen die gleichen Qualitätssicherungsverfahren (Programm- oder Systemakkreditierung). Zusätzlich werden private Hochschulen im Zuge der Konzeptprüfung beziehungsweise Institutionellen Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat auf ihre "Hochschulförmigkeit" geprüft. Dabei werden in vielen Verfahren insbesondere die personelle Ausstattung, die Leitungsstrukturen sowie die Ausstattung mit Laboren und Bibliotheken kritisiert.

Empfehlungen

Öffentliche Förderprogramme für private Hochschulen grundsätzlich öffnen

Es gibt eine Reihe privater Hochschulen, die wettbewerblich vergebene öffentliche Fördermittel erfolgreich eingeworben haben. Dennoch sind sie, insbesondere bei Förderprogrammen in gemeinsamer Verantwortung von Bund und Ländern, häufig ausgeschlossen. Bei Programmen, bei denen eine Beteiligung möglich ist – zum Beispiel bei Forschung an Fachhochschulen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung oder in den EXIST-Programmen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie – zeigt sich jedoch, dass die privaten Hochschulen nur unterproportional oft Anträge stellen. Wir empfehlen eine Antragsberechtigung für private Hochschulen in allen öffentlichen, wettbewerblich vergebenen Förderprogrammen auf Bundes- und Landesebene. Nur so kann das Potenzial der gesamten Hochschullandschaft für die Weiterentwicklung von Lehre, Forschung und Innovation gehoben werden. Private Hochschulen sollten sich jedoch auch intensiv an diesen Programmen beteiligen und ihren Beitrag über Projekte einbringen. Gleichzeitig empfehlen wir, Vertreterinnen und Vertreter privater Hochschulen
systematisch in Auswahl- und Gutachtergremien zu berufen, damit ihre Perspektive in Förderentscheidungen angemessen berücksichtigt werden kann.

Digitalisierung konsequent ausbauen

Großes Potenzial für private Hochschulen, ihren Vorsprung in flexiblen Studienformen auszuweiten, liegt im Ausbau der Digitalisierung ihrer Leistungsdimensionen. Digitalisierung wird den akademischen Bildungs- und Weiterbildungsmarkt zukünftig stärker denn je inhaltlich und formal prägen. Dies reicht von der Digitalisierung von Studiengängen (zum Beispiel Vorhalten von Onlineangeboten) über innovative didaktische Formate und Studieninhalte (zum Beispiel Vermittlung von Digital Literacy) bis zur Digitalisierung der wissenschaftlichen Infrastrukturen (Digitale Labore; Digitale Literaturrepositorien und Bibliotheken etc.). Private Hochschulen sind durch ihre Größe und Flexibilität oft ideal geeignet, digitale Formate experimentell zu nutzen. Insbesondere im Bereich der Onlineangebote sind staatliche Hochschulen – im Gegensatz zu vielen privaten Hochschulen – bislang zu wenig aktiv. Wir empfehlen den privaten Hochschulen daher, den schon jetzt vorhandenen Vorsprung konsequent auszubauen und mit digitalen Formaten mutiger zu experimentieren.

Future Skills als Entwicklungsfeld nutzen

Ein weiteres, mit der Digitalisierung eng verknüpftes Potenzialfeld für private Hochschulen ist die Vermittlung von zukunftsrelevanten Kompetenzen (Future Skills) an Studierende. Der digitale Wandel in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft stellt neue Anforderungen an zukünftige Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Absolvierende. Sie müssen unternehmerisch denken und an Schnittstellen von Sektoren und Disziplinen arbeiten können. Private Hochschulen weisen meist eine hohe Praxis- und Nachfrageorientierung auf und sind eng verzahnt mit der Praxis. Fragestellungen und Herausforderungen aus Unternehmen sind somit deutlich schneller und stärker als bei staatlichen Hochschulen Teil der Studieninhalte. Diese Nähe konsequent für die Weiterentwicklung von Inhalten und Formaten der Lehre zu nutzen, könnte ein wichtiger Entwicklungspfad privater Hochschulen sein.

Nähe zu Unternehmen und beruflicher Praxis konsequent für Innovationen in Lehre, Forschung und Transfer nutzen

Private Hochschulen sollten neue Lehre, Forschung und Transfer integrierende Modelle entwickeln, um ihre Potenziale als Innovationspartner für Unternehmen weiter zu stärken. Viele Branchen und Unternehmen erleben Transformationsprozesse, in denen eine multidisziplinäre akademische Begleitung gesucht wird. Private Hochschulen sollten ihre Stärken in der Berufsorientierung nutzen, um in kooperativen Innovation Hubs gemeinsam mit Unternehmen an konkreten Lösungen für Herausforderungen aus Arbeitswelt und Gesellschaft zu arbeiten.

Akademisierung von Berufsfeldern verlässlich gestalten

Am Beispiel der Gesundheitsberufe ist es bis heute nicht gelungen, die Konsequenzen einer Höherqualifizierung angemessen im Gesamtsystem nachzuvollziehen. Die Erfolge privater und staatlicher Hochschulen bei der gesellschaftlich gewollten Akademisierung von Berufsfeldern drohen langfristig dadurch konterkariert zu werden, dass der Arbeitsmarkt solche Höherqualifizierungen nur wenig honoriert. Wenn Beschäftigte trotz akademischer Qualifizierung die gleichen Aufgaben in den gleichen Tarif- und Hierarchiestrukturen erledigen wie in Zeiten der beruflichen Ausbildung, werden diese Studiengänge langfristig wieder an Attraktivität verlieren. Politisch gewollte Akademisierung von Berufsfeldern muss daher mit Änderungen der Rahmenbedingungen im Arbeitsmarkt einhergehen. Absolvierende müssen klare Perspektiven aufgezeigt bekommen. Gemeinsam mit den relevanten Akteuren (Berufsverbänden, Krankenkassen, Sozialverbänden) sollten neue Aufgabenprofile, neue Tarifstrukturen und Karrierepfade für akademisch qualifizierte Beschäftigte in den Gesundheitsbranchen entwickelt werden.

Rolle und Zukunft privater Hochschulen in Deutschland (2010)

Die vor zehn Jahren erschienene Untersuchung stützte sich zunächst auf Auswertungen quantitativer Daten, auf deren Basis Entwicklungstrends und Einflussfaktoren in der privaten Hochschullandschaft identifiziert wurden. Aus diesen wurden im Anschluss Handlungsfelder und -empfehlungen formuliert und mit dem Expertenbeirat der Studie weiterentwickelt. In über 60 Hintergrundgesprächen wurden dazu außerdem Einschätzungen von Hochschulleitungen, Hochschulforschern, Wissenschaftsexperten, politischen Entscheidungsträgern sowie Bildungsunternehmern und Arbeitgebern eingeholt.

Mehr Info & Download

 

Private Universities (Executive summary in the English language)

In 2010 Stifterverband published a study on the role and future of private universities in Germany. The study identified development trends and gave recommendations to private universities and politics. Ten years have passed since then. Hence, in the present study, Stifterverband takes a renewed look at the private university sector. It examines how the sector is developing, also taking into account transformation processes in the overall higher education system in Germany, in society and in the world of work.

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Kontakt

Julia Krume

ist beim Stifterverband als Programmmanagerin im Bereich "Programm und Förderung" tätig.

T 030 322982-507
F 030 322982-515

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