Transferkompass

Analyse der Transferaktivitäten von Hochschulen

Digitalisierung und die Anforderungen an eine nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaft führen zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Bei der Gestaltung dieser Transformation spielen die Hochschulen eine zentrale Rolle. Im Rahmen ihres Auftrags zu Transfer, anwendungsorientierter Forschung und Weiterbildung bieten sie Orientierungswissen für Wirtschaft und Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung des Wissenstransfers und von Kooperationen mit Wirtschaft und Gesellschaft zugenommen.

Mit dem Forschungsprojekt "Transferkompass" hat der Stifterverband im November 2022 eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick zur strategischen Verankerung von Transferaktivitäten an Hochschulen vorgelegt. Ziel des Projektes war es, ein besseres Verständnis des Transfers und seiner Umsetzung an deutschen Hochschulen zu erhalten und damit auch einen Beitrag zu leisten, um die Bedingungen für den wechselseitigen Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft (insbesondere KMU und Start-ups) sowie Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern.

Die Ergebnisse des Transferkompasses bauen auf drei analytischen Bausteinen auf: Interviews mit Expertinnen und Experten, einer quantitativen und qualitativen Hochschulbefragung sowie Textanalysen von Transferstrategien. Im Rahmen des Projektes wurden zunächst 23 Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen (Schwerpunkt KMU und Start-ups) geführt. Ziel war es, Erwartungen der Transferpartner an die Hochschulen zu ermitteln und Erfahrungswerte zu sammeln. Die Ergebnisse flossen in die Gestaltung eines Fragebogens für die Hochschulleitungen ein. An der Befragung von August bis Oktober 2021 haben insgesamt 156 Hochschulen teilgenommen, was einem Rücklauf von 40,3 Prozent der angeschriebenen  Hochschulen entspricht. Darüber hinaus wurden im Rahmen des Projektes die Transferstrategien von 56 Hochschulen ausgewertet.

 

Gefragt nach der Relevanz einzelner Aufgaben vergeben die Hochschulleitungen im Schnitt 15,8 von 100 Punkten für den Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft.
Der Anteil von Hochschulleitungen, die über eine Transferstrategie verfügen, vergrößert sich von 2013 (28 Prozent) auf 2021 (58,3 Prozent) um mehr als das Doppelte.
Fast zwei Drittel der Hochschulen verfügen über besondere Formate zur Einbindung und Ansprache von KMU. 73,2 Prozent geben dies für Start-ups an.
90,8 Prozent der Hochschulen sehen in öffentlichen Förderprogrammen einen wichtigen Anreiz zur Kooperation mit Unternehmen.
42,3 Prozent der Stellen im Transferbereich sind laut einer Schätzung der Hochschulleitungen durch Drittmittel finanziert. An Universitäten sind es sogar 51,8 Prozent.
Fast jede zehnte Kooperation mit einem Unternehmen wurde in den letzten fünf Jahren durch juristische Uneinigkeiten zwischen Hochschulen und Unternehmen verhindert.

Die Bedeutung des Transfers von Wissen aus den Hochschulen in die Anwendung hat in den letzten Jahren zugenommen. Transferaufgaben sind inzwischen nach Lehre und Forschung die dritte Säule der Hochschulen. Sie benennen klar ihre Herausforderungen dabei: fehlende langfristige Finanzierung von Stellen und fördernde rechtliche Rahmenbedingungen.

Neben Lehre und Forschung sehen Hochschulen auch den Transfer von Wissen und Technologie in die Praxis als große Aufgabe an. Gefragt nach der Relevanz einzelner Aufgaben vergeben die Hochschulleitungen im Schnitt 15,8 von 100 Punkten für den Wissens- und Technologie-Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft. In einer Befragung des Stifterverbandes im Jahr 2013 waren es noch 11,8 Punkte. Forschung (25,4 Punkte) und Lehre (43,6 Punkte) bleiben aber auch 2021 mit Abstand die zwei wichtigsten Handlungsfelder der Hochschulen. Die große Bedeutung von Transferaufgaben haben mehr als die Hälfte der Hochschulen erkannt und das Thema in ihrer Strategie verankert: 2021 verfügen über 58,3 Prozent der Hochschulen eine Transferstrategie. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 waren es noch 28 Prozent.

Insgesamt bewertet eine große Mehrheit die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Unternehmen als positiv. Dabei setzen die Hochschulen vor allem auf persönliche Kontakte und regionale Vernetzung. Gefragt nach den drei wichtigsten Maßnahmen zur Zusammenarbeit mit Unternehmen nennt eine Mehrheit regionale Netzwerke (72,0 Prozent), eigene Netzwerkveranstaltungen (64,3 Prozent) und die gezielte Ansprache von Unternehmen (61,5 Prozent). Auch eine Auswertung der Transferstrategien bestätigt die hohe Bedeutung der Region. Ein Großteil der Hochschulen hat zudem bereits etablierte Formate zur gezielten Einbindung von regionalen kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Startups. 

Der relevanteste Transferkanal sind Forschungskooperationen. Neun von zehn Hochschulen planen zudem, diese Art der Kooperation in den nächsten fünf Jahren zu verstärken. Insgesamt wird die Vielfalt der Transferkanälen zu wenig genutzt, beispielswiese Transfer in der Lehre. Über die Hälfte der Hochschulen wollen auch in Zukunft Formate wie Betreuung von Abschlussarbeiten in Unternehmen oder Praxisaufenthalte Studierender nicht ausbauen.

Laut Schätzungen der Hochschulleitungen sind an Universitäten 51,8 Prozent der Stellen im Transferbereich (42,3 Prozent insgesamt) durch Drittmittel finanziert, das heißt Projekt gebunden und befristet. Eine damit verbundene Personalfluktuation führt zum Verlust von Netzwerken und Transfer-Know-how. 

Weitere Hindernisse bei der Durchführung und Anbahnung von Transferkooperationen sind dienstrechtliche Rahmenbedingungen und das Beihilferecht. Besonders gravierend sind jedoch juristische Uneinigkeiten zwischen Hochschulen und Unternehmen insbesondere bei Fragen des geistigen Eigentums. Laut einer Schätzung der Hochschulleitungen hat dies in den letzten fünf Jahren fast jede zehnte Kooperation mit einem Unternehmen verhindert. Dabei sehen sich die Hochschulen auch selbst in der Verantwortung. Während die Leitungen ihrem wissenschaftlichen Personal eine hohe Transferorientierung zuschreiben, sehen sie diesbezüglich noch große Herausforderungen in der Hochschulverwaltung. 

Ein wichtiger Treiber für Transfer sind dagegen öffentliche Förderprogramme, die Bund und Länder aufgelegen. Neun von zehn Hochschulen sehen in ihnen einen wichtigen Anreiz zur Zusammenarbeit mit Unternehmen. Viele Kooperationen gäbe es ohne entsprechende Initiativen nicht.

 

Autorinnen und Autoren
Marian Burk, Carla Grindel, Pascal Hetze

Der Transferkompass ist eine Studie des Stifterverbandes. Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert.

CC-BY-SA

Die Grafiken und Texte in dieser Publikation sind unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ "Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" zugänglich (CC BY-SA 4.0). Die Lizenz erstreckt sich nicht auf Inhalte Dritter, vor allem nicht auf die Bilder auf der Titelseite sowie auf den Seiten 6, 16, 24 und 34. Anders lizenzierte Inhalte sind entsprechend gekennzeichnet.

 

Kontakt

Pascal Hetze (Foto: Damian Gorczany)

Dr. Pascal Hetze

leitet das Handlungsfeld "Kollaborative Forschung & Innovation" und das Fokusthema "MINT-Lücke schließen".

T 030 322982-506

E-Mail senden
Marian Burk (Foto: Damian Gorczany)

Marian Burk

ist wissenschaftlicher Referent im Bereich "Programm und Förderung".

T 030 322982-544

E-Mail senden