Ulf-Daniel Ehlers: An den Bruchstellen der Hochschullehre

In einer Lehrveranstaltung im Bereich Wirtschaftsinformatik, habe ich an einer Hochschule gehört, werden die Smartphones verboten. Aber Wirtschaftsinformatik, das muss doch irgendwas mit Digitalisierung zu tun haben!

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Sollen Studierende in einer Lehrveranstaltung die Smartphones ausschalten? Fragen wie diese werden zurzeit an vielen Hochschulen kontrovers diskutiert. Für Ulf-Daniel Ehlers, Vizepräsident für Qualität und Lehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, werden jetzt wichtige Weichen im Umgang mit der Digitalisierung im Bildungsbereich gestellt. Doch es gibt manche, die glauben allen Ernstes, das ganze sei nur ein vorübergehender Hype.

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Transkript des Videos

Ich glaube, Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Also, es ist nicht umkehrbar.

Wir können nicht uns auf den Standpunkt stellen: Da müssen wir nicht mitmachen. Oder: Das hört schon irgendwann wieder auf. Oder: Irgendwann kommt sozusagen die Pendel-zurück-Bewegung, die Retro-Bewegung, und es bilden sich die kleinen elitären Schulen, die dann gar nichts mehr mit Digitalisierung zu tun haben wollen, wo alle am Anfang die Handys abschalten. Wir sind jetzt gerade bei den Bruchstellen. An meiner Hochschule wird debattiert: Soll den Studierenden erlaubt werden, mit ihren Smartphones in den Seminaren zu hantieren oder nicht? Das sind Bruchstellen. Es wird jetzt gerade sozusagen, es treibt zu auf die Konflikte, auf die Debatte der Überzeugung, auch die Debatte der Lehrkompetenzen letztendlich auch. Was können wir als Lehrende noch handlen? Die alten Lehrmodelle geraten an ihre Grenzen vor dem Hintergrund der neuen Nutzungsgewohnheiten und Lebensgewohnheiten der Studierenden, die da kommen. Diese Bruchlinie wird jetzt langsam sichtbar. Und es passieren so Dinge, dass in einer Lehrveranstaltung im Bereich Wirtschaftsinformatik, habe ich an einer Hochschule gehört, die Smartphones verboten werden und wo sich jeder fragt: Aber Wirtschaftsinformatik, das muss doch irgendwas mit Digitalisierung zu tun haben! Wie können wir da mobile Endgeräte verbieten? Aber das sind so Bruchlinien, darum geht es gerade. Und das ist nicht umkehrbar. Man kann den Leuten sagen, die an diesen Bruchlinien gerade entlangklettern, sich festhalten möglicherweise, versuchen irgendwo auf dem wankenden Grund einen sicheren Stand zu finden, man kann ihnen sagen: Das hört nicht auf. Das wird so weitergehen. Und möglicherweise wird es noch schlimmer werden.

Ich glaube, was ganz wichtig ist, immer, immer, immer, immer, wenn man über Weiterentwicklung von Bildung redet, dann redet man nicht über einen technischen Prozess, sondern man redet über menschliche Profession. Darum geht es eigentlich. Bildungsentwicklung ist Professionsentwicklung. Lehrkompetenz ist zum Teil auch Persönlichkeitsentwicklung und zumindest Professionsentwicklung und damit auch Persönlichkeitsentwicklung. Und das heißt: Wir befinden uns hier in einem sehr, sehr voraussetzungsvollen Feld. Wenn wir uns da hinstellen und sagen: Wir wollen mehr Smart Teaching haben, wir wollen mehr progressive Lehrmethoden haben, mehr Digitalisierung. Das ist ein sehr, sehr voraussetzungsvolles Feld, weil es geht darum, dass wir mit Professionals über ihre Weiterprofessionalisierung reden. Und das ist mir jetzt als Vizepräsident einer großen Hochschule jeden Tag vor Augen, dass ich mit meinen Professorinnen und Professoren, 700 haben wir davon und ungefähr 10.000 Lehrbeauftragte, die für unsere Hochschule arbeiten insgesamt, dass die alle richtig, richtig stark engagierten Job schon machen. Und dieses einfache Wort Digitalisierung, uns Smart Teaching bedeutet, sich hinzusetzen und nicht ein Programm auszurufen und zu sagen: Die Welt braucht es. Da können wir nicht alle davonlaufen, also machen wir das jetzt mal! Sondern sich hinzusetzen und zu sagen: Es geht darum, über die Bilder davon, was ist eigentlich professionelles Lehrhandeln in dieser Welt, darüber geht es, darüber zu reden. Und das ist ein Reden über Werte. Und das heißt: Wir sind im Bereich der Kulturentwicklung in Organisationen unterwegs.

Heutzutage, da kann man jetzt dagegen oder dafür sein, kann man auch unterschiedlich ausgestalten, ist dieses Thema Handlungsfähigkeit sehr, sehr wichtig für alle Bildungsinstitutionen im Bereich Schule, Berufsbildung und Hochschule auch. Handlungsfähigkeit ... es geht auch viel in Richtung Employability sozusagen, also die Fähigkeit, in einer Beschäftigunswelt sich zurechtzufinden, sein Leben lang im Grunde genommen. Und das heißt, hier geht es darum. Was sind die richtigen Handlungsstrategien für mich? Und diese Handlungsstrategien in meinem Leben, mit einem bestimmten Problem umzugehen, mit einem Menschen umzugehen, mich in einer Organisation zu bewegen, mich durch mein Leben zu navigieren, alle diese Strategien, die sind uns dann erschließbar, wenn wir gut reflektieren können, wo bei den Strategien, die wir anlegen, Probleme aufkommen. Wenn wir das können, dann können wir also in so einen Reflexionsloop reingehen und können sagen: Versuchen wir's mal anders! Und das kann man trainieren, und das ist, glaube ich, heutzutage die hohe Kunst von allen Bildungsinstitutionen letztendlich. Und digitale Medien sozusagen in meinem Lehralltag als Lehrender sehe ich eben gerne als den Ort, in dem Wissen bearbeitet wird, Wissen vermittelt wird auch, Wissensbestände zugänglich gemacht werden beispielsweise in einem Wiki oder über ein Video oder über Texte, die recherchiert werden. Und dann geht es aber darum, dass man da nicht stehen bleibt, sondern dass man sagt: Jetzt ist das Ziel erreicht, jetzt wissen wir ja, was wir wissen wollten oder sollten, sondern dann geht es darum, jetzt eine Debatte darüber zu führen, beispielsweise eine Pro- und Contra-Debatte, oder dass man sagt: Wir haben ja verschiedene Standorte, die DHBW, also die Duale Hochschule, da kann man wunderbar zum Beispiel eine Studierendengruppe nehmen, die eine Antwort, die einen Essay schreibt, und eine andere Studierendengruppe aus einem anderen Standort kann dazu ein Feedback geben und andersherum. Das kann man über Technologie sehr gut organisieren. Und dann schafft man es nach und nach, mehr und mehr, über diese reine Wissensvermittlung hinaus in die Bearbeitung von Wissen zu kommen, mit Wissensbeständen, und in diese Kritikfähigkeit und die Reflexion darüber. Und das, finde ich, sind die anspruchsvollsten Smart-Teaching-Designs eigentlich.