Wissenschaftspreis: Gesellschaft braucht Wissenschaft

Hervorragende Forschungsleistungen, die durch ihre gesellschaftliche Relevanz und gute Umsetzbarkeit hervorstechen, zeichnen der Stifterverband und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) alle zwei Jahre aus.

Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Preiswürdig sind Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse die Grundlagen für praktische Umsetzungen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder Forschung bilden. Neben der wissenschaftlichen Qualität der Arbeit ist die anschließende zumindest teilweise Anwendung der Ergebnisse gleichwertiges Auswahlkriterium.

 

Preisträger 2018

Im Jahr 2018 wurde der Preis erneut geteilt. Er würdigt zwei Preisträger mit unterschiedlichen Forschungsthemen. Während der Mediziner und Physiker Thomas J. Jentsch und sein Team durch ihre Forschung zu Ionenkanälen zur Aufklärung der Ursachen zahlreicher erblich bedingter Krankheiten beitragen, untersucht der Politikwissenschaftler Macartan Humphreys die Wirksamkeit entwicklungspolitischer Maßnahmen in strukturell benachteiligten Regionen.

 

Thomas J. Jentsch

Foto: Stefan Jentsch
Thomas J. Jentsch, Professor an der Charité Berlin und stellvertretender Direktor des Leibniz-Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie

Thomas J. Jentsch und sein Team haben mithilfe interdisziplinärer Ansätze neue Klassen von Ionen-Kanälen entdeckt und deren biologische Funktionen und Rollen bei verschiedenen Erkrankungen aufgeklärt. Ionenkanäle sind in den Zellmembranen eingebaute Proteine, die zentral an zahlreichen Transport- und Signalübertragungsprozessen beteiligt sind. So zeigen jüngste Untersuchungen von Jentsch und seinen Mitarbeitern, dass ein erst kürzlich von ihnen molekular identifizierter Kanal neben Chlorid und Botenstoffen des Nervensystems auch Zytostatika durchlässt, so dass eine Herunterregulation des Kanals in Tumoren zu Therapieresistenzen bei Krebspatienten führen kann.

Derselbe Ionenkanal spielt eine elementare Rolle bei der Regulierung des Zellvolumens und der Insulinausschüttung. Durch ihre Forschung zu den Mechanismen des Ionentransports konnten Jentsch und seine Mitarbeiter in den vergangenen Jahren nachweisen, dass Mutationen in Ionenkanalgenen eine Reihe vererbter Störungen wie Knochen- und Muskelerkrankungen, Gehörverlust oder Nierensteine verursachen. Die Erkenntnisse tragen wesentlich zur Aufklärung der Ursachen und Mechanismen seltener wie auch weit verbreiteter Krankheitsbilder wie etwa der Epilepsie bei und liefern neue Ansätze für deren Behandlung.

 

Macartan Humphreys

Foto: Jacobia Dahm
Macartan Humphreys, Direktor der Abteilung "Institutionen und politische Ungleichheit" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

In seinen Feldstudien zum Thema "Innovationen zur politischen Verantwortlichkeit" stellt der Politikwissenschaftler Macartan Humphreys etablierte Instrumente der internationalen Entwicklungszusammenarbeit – etwa finanzielle Zuwendungen zur Selbstverwaltung – auf den Prüfstand. Die Ergebnisse mehrerer Teilprojekte Humphreys' widerlegen den positiven Effekt gängiger Praktiken, die Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen anwenden, um politische wie soziale Ungleichheiten in strukturell benachteiligten Gegenden zu bekämpfen. Beispielhaft ist seine Untersuchung zur politischen Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern in mehreren Entwicklungs- und Schwellenländern des globalen Südens. 

So zeigt Humphreys unter anderem, dass eine Verbesserung der Informationslage über politische Akteure nicht zu einer Steigerung der politischen Teilhabe der Bevölkerung führt. Dieses und weitere Experimente machen die Beständigkeit struktureller Ungleichheiten deutlich und zeigen, dass sie gerade nicht durch Einzelmaßnahmen behoben werden können. Humphreys Forschung zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie Hilfseinrichtungen, Regierungen und politischen Entscheidungsträgern wichtige Impulse zur Veränderung der entwicklungspolitischen Praxis liefert und so die Verbesserung der Lebensbedingungen zahlreicher Menschen anstrebt.

Foto: Peter Himsel
Preisverleihung am 27. November 2018 im Rahmen der 24. Jahrestagung der Leibniz-Gemeinschaft
Foto: Peter Himsel
Gastgeber der Preisverleihung 2018 war das Museum für Kommunikation in Museum
Foto: Peter Himsel
Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, der gemeinsam mit der Leibniz-Gemeinschaft den Wissenschaftspreis verleiht
Foto: Peter Himsel
Georg Schütte (Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung) mit Matthias Kleiner (Präsident der Leibniz-Gemeinschaft) und Andreas Schlüter (Generalsekretär des Stifterverbandes) (v.li.)
Foto: Peter Himsel
Die Preisträger Macartan Humphreys (2.v.li.) und Thomas J. Jentsch (2.v.re.) mit Matthias Kleiner (Leibniz-Gemeinschaft, li.) und Andreas Schlüter (Stifterverband, re.)

 

 

Die Preisträger der zurückliegenden Jahre

2016
Historisch-kritische Edition von "Mein Kampf"
Dr. Christian Hartmann
Institut für Zeitgeschichte Berlin-München
Mausmodell mit quasi-menschlichem Blutsystem zur Erforschung des Ebola- und Lassa-Virus
Dr. Cesar Muñoz-Fontela
Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg

2014
Mit Schwarmintelligenz gegen Tuberkulose
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften

2012
Erforschung der molekularen Ursachen des Alterns

Prof. Dr. med. K. Lenhard Rudolph
Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena

2010
Bildungsforschung auf höchstem Niveau

Prof. Dr. Eckhard Klieme,
Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung

2008
Theorie zur Entstehung von Sternen und Schwarzen Löchern im Experiment bewiesen

Prof. Günther Rüdiger, Astrophysikalisches Institut Potsdam
Dr. Frank Stefani, Forschungszentrum Dresden-Rossendorf

2006
Realisierung von Hochtemperatursupraleitern

Dr. Bernhard Holzapfel, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, Dresden
Prof. Ludwig Schultz, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, Dresden

2004
Gesetzesfolgenabschätzung

Prof. Dr. Carl Böhret
Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften, Speyer

2003
Stammzellen als Therapiemöglichkeit für Diabetes

Prof. Dr. Anna Wobus
Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung

2002
Unerwartetes Nachwachsen von Gehirnzellen/Antidepressiva: Wirkungsweise und neue Ansätze

Prof. Dr. Eberhard Fuchs
Deutsches Primatenzentrum, Göttingen