Als Selina Nassamou im Sommer 2013 zur VorbilderAkademie von Bildung & Begabung anreist, ist sie 16 Jahre alt, wissbegierig, ehrgeizig – und aufgeregt. „In meinem alltäglichen Umfeld war ich immer diejenige, die in den Ferien mehr lernen wollte“, erinnert sie sich heute. „Bei der Akademie war das plötzlich normal. Im Camp waren 50 Jugendliche, die genauso waren wie ich und große Lust auf das Lernen und den Austausch in der Gruppe hatten.“
außerschulisches Lernen
Freude am Lernen
Der Stifterverband schuf vor 40 Jahren mit Bildung & Begabung erstmals ein umfassendes Förderangebot für besonders leistungsstarke Jugendliche, die über den Schulunterricht hinaus mehr lernen möchten. Heute setzt sich Bildung & Begabung als Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland dafür ein, dass alle Jugendlichen ihr volles Potenzial entfalten und es in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft einbringen können – unabhängig von Herkunft und Hintergrund.
Die eigenen Stärken entdecken
Die vom Stifterverband vor gut 40 Jahren gestartete Initiative Bildung & Begabung ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, in ein- oder mehrwöchigen Akademien ihre individuellen Stärken zu entdecken – außerhalb des regulären Unterrichts und in unterschiedlicher Form. Es geht darum, für die Jugendlichen einen von Noten und Leistungsdruck freien Raum zu schaffen, um im Austausch mit Gleichaltrigen eigene Interessen auszuloten und neue Perspektiven für die Zeit nach der Schule zu gewinnen: Während es in den Vorbilder- und Talentakademien für die Jugendlichen zunächst um das Entdecken der eigenen Stärken geht, adressiert die Deutsche SchülerAkademie leistungsstarke Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, die sich gerne bereits auf Hochschulniveau mit verschiedensten fachlichen Fragestellungen beschäftigen wollen.
Die Akademien mit jährlich Hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern verstehen sich als Talentförderung unabhängig von Schulform, Region, Einkommen der Eltern oder sozialem Hintergrund. Jugendliche aus ganz Deutschland kommen zusammen, diskutieren miteinander, lernen, mit anderen Meinungen umzugehen, teilen Wissen, Perspektiven und Fähigkeiten – und entwickeln dabei auch ihre Persönlichkeit weiter. Die Nachfrage nach den Akademien ist groß. Die Bewerberzahlen übersteigen meist deutlich die verfügbaren Plätze.
Von Vorbildern lernen
In der VorbilderAkademie etwa, an der Selina Nassamou teilnahm, stehen vormittags Fachkurse, geleitet von ehrenamtlichen Teamern, auf dem Programm. „Dabei ging es zum Beispiel um Themen wie die Arbeit in der Notaufnahme, Robotik oder auch darum, warum Scheitern eine wichtige Erfahrung ist, die uns positive Impulse geben kann“, sagt die heute 29-jährige studierte Wirtschaftsingenieurin und IT-Expertin Nassamou. Abends haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, sich mit Gästen aus Politik und Wirtschaft zu unterhalten.
„Dazwischen, am Nachmittag, haben wir selbst Workshops für andere erarbeitet und angeboten. Das reichte von Sprachen über Stricken bis hin zu Selbstverteidigung“, erzählt Nassamou. „Diese kleinen Workshops sind auch deshalb so toll, weil es dabei um Selbstwirksamkeit geht und Jugendliche die Erfahrung machen, dass ihre Interessen und Fähigkeiten auch für andere wichtig sind.“ Schnell entsteht dabei ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.
Selina Nassamou hat den Akademie-Spirit noch lebendig in Erinnerung: „Wir haben damals beim Abschied alle geweint. Nicht aus Traurigkeit. Sondern weil wir gespürt haben: Das hier nimmt uns niemand mehr.“ Das hat sie geprägt. Heute engagiert sie sich ehrenamtlich für die Akademien und leitet dort selbst Kurse. Sie versteht das als ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Engagement.
Bildung & Begabung hat das deutsche Bildungssystem verändert
Bildung & Begabung steht für einen grundlegenden Wandel und ein Neudenken des deutschen Bildungssystems: Es geht darum, die Idee von Bildungsgerechtigkeit, von „Zugehörigkeit statt Sonderstatus“ zu fördern. Entsprechend liegt der Fokus: Er liegt nicht auf der Förderung Einzelner, sondern auf der Gestaltung von Strukturen. Nicht die Frage „Wer ist begabt?“ steht im Zentrum, sondern: „Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Begabungen sichtbar werden?“
Dahinter steht die Erkenntnis, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche schon früh ihre Potenziale entdecken und zugleich ihre sozialen Kompetenzen weiterentwickeln können. Und was dem Einzelnen hilft, das nützt auch der Gesellschaft: Junge kluge Köpfe mit Freude am Lernen werden als künftige Fachkräfte für Wissenschaft und Wirtschaft dringend gebraucht. Es gilt also, sie zu ermutigen, ihre Talente zu entfalten und zu nutzen.
„Es war damals keineswegs Konsens, dass leistungsstarke Kinder überhaupt eine besondere Förderung brauchen“, sagt die promovierte Philosophin Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung: „Der Stifterverband hat sehr früh erkannt, dass Begabungsförderung kein Luxus ist. Sie ist vielmehr eine Investition in Persönlichkeitsentwicklung, Innovationsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung.“
„Unsere Programme sollten Schule nicht ersetzen oder verlängern, sondern ergänzend Freiräume für individuelle Förderung, Persönlichkeitsentwicklung und Orientierung schaffen.“
Von Anfang an sei klar gewesen, dass außerschulische Förderung weder als Konkurrenz zur Schule gedacht sei noch als deren Fortsetzung, sagt Völmicke: „Unsere Programme sollten Schule nicht ersetzen oder verlängern, sondern ergänzend Freiräume für individuelle Förderung, Persönlichkeitsentwicklung und Orientierung schaffen.“ In diesem Sinne sollte die Kooperation von Schulen und außerschulischen Akteuren ein zentraler Bestandteil moderner Bildung werden.
Vor diesem Hintergrund hat Bildung & Begabung über die Jahrzehnte ein breites Förderportfolio entwickelt mit Angeboten von der Grundschule bis zur beruflichen Bildung, mit Orientierungsangeboten und Spitzenförderung. Schwerpunkte sind neben den Schülerakademien vor allem der Bundeswettbewerb Fremdsprachen, der Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen fördert, sowie die bundesweiten Mathematik-Wettbewerbe, aus denen die einzigen beiden deutschen Träger der Fields-Medaille, dem Nobelpreis der Mathematik, hervorgegangen sind. Gut eine Viertelmillion Jugendliche können so jährlich ihre individuellen Talente entfalten.
Wie gut das funktioniert, zeigen zahlreiche Biografien. Ein prominenter Alumnus des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen ist der Journalist und „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni. Er erinnert sich an die frühe Förderung als Schlüsselmoment: „Plötzlich war da ein Ort, an dem Neugier nicht belächelt, sondern gefeiert wurde.“ Und er betont: „Der Wettbewerb war kein Leistungsschaukampf, sondern eine Einladung, Sprache als Ausdrucksmittel zu begreifen – und sich selbst etwas zuzutrauen.“ Für Zamperoni war diese Erfahrung eine Ermutigung – nicht für eine geradlinige Karriereplanung, sondern um die eigene Stimme öffentlich zu nutzen.
„Plötzlich war da ein Ort, an dem Neugier nicht belächelt, sondern gefeiert wurde. Der Wettbewerb war kein Leistungsschaukampf, sondern eine Einladung, Sprache als Ausdrucksmittel zu begreifen und sich selbst etwas zuzutrauen.“
Bildung & Begabung kombiniert direkte Förderung mit Wissenstransfer
Parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung hat Bildung & Begabung den eigenen Förderansatz in enger Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Beirat kontinuierlich weiterentwickelt. Schulklassen sind heterogener geworden. Der Anteil von Kindern mit Einwanderungsgeschichte ist gestiegen. Damit gehören etwa Mehrsprachigkeit und Diversität in den Klassen zum Alltag.
Ingrid Gogolin, Erziehungswissenschaftlerin und Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, ordnet diesen Wandel ein: „Begabung wurde lange als etwas Statisches verstanden – als Eigenschaft weniger Auserwählter. Heute wissen wir: Begabung ist entwickelbar. Jeder Mensch hat Stärken. Entscheidend ist, ob er Gelegenheiten bekommt, sie zu entdecken und auszubauen.“ Niemand, so Gogolin, sei „von oben bis unten begabt“. Förderung bedeute daher nicht Auslese, sondern Ermöglichung. „Es geht darum, junge Menschen in ihrer Lern- und Entwicklungskraft zu stärken. Das schafft Selbstvertrauen – und ist die Voraussetzung für nachhaltige Leistung.“
Mit der wachsenden Vielfalt außerschulischer Angebote in allen Bundesländern stieg auch der Bedarf an Orientierung. Bildung & Begabung hat mit dem Begabungslotsen deshalb eine bundesweite Orientierungsplattform aufgebaut, die Förderangebote sichtbar, vergleichbar und zugänglich macht und damit mehr Transparenz für interessierte Eltern und Jugendliche schafft. Es ist die derzeit einzige zentrale Anlaufstelle dieser Art mit mehr als 400.000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr. Für Lehrkräfte und die Bildungspraxis hat Bildung & Begabung ein umfangreiches Weiterbildungsangebot entwickelt, um junge Talente besser finden und fördern zu können. Dazu gehören neben einer Fachtagung auch Trainingsvideos, Podcasts sowie ein Methodenkoffer zum Einsatz im Unterricht.
Die Kombination aus direkter Förderung und Wissenstransfer ist ein Alleinstellungsmerkmal von Bildung & Begabung, das sich über die Jahrzehnte zum Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland entwickelt hat. Von Anfang an dabei: Bund und Länder, die sich gemeinsam mit dem Stifterverband für den Erfolg der Projekte einsetzen. Hauptförderer sind das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz. Hinzu kommen zahlreiche Stiftungen, Unternehmen und mehr als 1.000 Ehrenamtliche, die sich in Jurys, in der Kursleitung oder als Landesbeauftragte engagieren.
Highlights aus 40 Jahre Bildung & Begabung
Was wäre heute anders, wenn es Bildung & Begabung nicht gäbe? Für Ingrid Gogolin ist die Antwort klar: „Dann gäbe es keinen zentralen Akteur, der das moderne Begabungskonzept kontinuierlich vertritt, weiterentwickelt und in die Fläche trägt.“
Elke Völmicke ergänzt: „Unsere Stärke ist unsere Rolle an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Wir können experimentieren, neue Formate erproben und gemeinsam mit Bund, Ländern, Unternehmen und Zivilgesellschaft Strukturen gestalten, die dauerhaft Begabungsförderung als essenziellen Teil des Bildungssystems für alle zugänglich machen.“
Wie der Stifterverband und Bildung & Begabung das Bildungssystem gemeinsam gestalten
Der Stifterverband begann sein Engagement für Bildung & Begabung schon in den 1970er-Jahren mit dem Bundeswettbewerb Mathematik, später kam der Bundeswettbewerb Fremdsprachen hinzu. Beide Wettbewerbe sind ungebrochen beliebt und sprechen Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Klassenstufen an. Aktuell arbeiten der Stifterverband und Bildung & Begabung in der Zukunftsmission Bildung zusammen und haben dort eine Allianz für Schule Plus aufgebaut. Das Ziel: schulische und außerschulische Bildung nicht getrennt zu denken, sondern noch besser systemisch zu verschränken.