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Pionier der Glykowissenschaften

13.06.2017

Peter Seeberger erhält Wissenschaftspreis "Forschung zwischen Grundlagen und Anwendung" 2017

Der Chemiker hat mit der automatisierten Zuckersynthese die Entwicklung neuartiger Impfstoffe, Therapien und Diagnostika ermöglicht.

Zucker birgt noch süße Zukunftsaussichten – und das auch in unerwarteten Bereichen wie der Medizin. So sind synthetische Zucker unter anderem Bestandteil neuartiger Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten wie multiresistente Krankenhauskeime. Die schnelle und verlässliche Herstellung von Zuckern war die Idee von Peter H. Seeberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam. Seeberger ist ein Pionier der Glykowissenschaften, dem Forschungsgebiet, das die Rolle von Zuckermolekülen untersucht. Gemeinsam mit der Max-Planck-Gesellschaft zeichnet der Stifterverband Seeberger nun mit dem Wissenschaftspreis "Forschung zwischen Grundlagen und Anwendung" 2017 aus.

Foto: Jü/Wikipedia (CC0 1.0)
Peter Seeberger

Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird im Rahmen der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft am 21. Juni 2017 in Jena verliehen. Seeberger wird geehrt, weil er die Umsetzung herausragender Grundlagenforschung in Produkte durch die Gründung mehrerer Firmen mit Nachdruck vorantreibt. Die GlycoUniverse vertreibt die von Seeberger entwickelten Automaten und synthetischen Zucker, während die Vaxxilon AG Impfstoffe gegen Krankenhauskeime entwickelt.

Einer der Forschungsschwerpunkte von Peter Seeberger sind die langen und komplexen Zuckermoleküle, die sogenannten Glykane, die sich auf der Oberfläche aller Körperzellen befinden. Diese Zucker haben für die Lebensabläufe in den Organismen entscheidende Bedeutung – im Guten wie im Schlechten, da beispielsweise auch krank machende Bakterien mit ihrer Hilfe an Köperzellen andocken können. Lange konnten Wissenschaftler die Struktur und Funktion der Glykane nicht grundlegend verstehen.

Dies änderte Seeberger, indem er eine neue chemische Technik entwickelte, die den schnellen und verlässlichen Zugang zu reinen Glykanen ermöglichte. Nachdem ab 2001 begonnen wurde, andere Instrumente speziell dafür zu modifizieren, konstruierten Seeberger und seine Mitarbeiter 2008 den ersten Prototyp eines Kohlenhydratsynthese-Automaten, der heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin ausgestellt ist. Seit 2014 vermarktet die von Seeberger mitgegründete Firma GlycoUniverse mit Sitz in Berlin mit dem Glyconeer eine kommerzielle Version, die in Europa, Asien und Nordamerika nachgefragt wird.

Das automatisierte Syntheseverfahren half den Forschern, schnell Zucker herzustellen, die für diagnostische Zwecke auf Oberflächen aufgebracht werden, um zum Beispiel Blut auf Antikörper zu untersuchen. Mit diesen "Zucker-Chips" konnten Glykane von der Bakterienoberfläche identifiziert werden. Diese können als Impfstoffe Tiere vor dem sicheren Tod durch Krankenhauskeime wie C. difficile und Klebsiellen sowie Tropenkrankheiten schützen. Die am MPI identifizierten Impfstoffkandidaten sollen nun in der im Jahr 2015 gegründeten Vaxxilon AG – ein Start-up mit bereits 15 Mitarbeitern  in Reinach (Schweiz) und einem eigenen Forschungsbereich in Berlin – zur Marktreife entwickelt werden. Das Paul-Ehrlich-Institut hat für eine erste klinische Erprobung eines Kandidaten für Streptokokkenimpfungen grünes Licht gegeben. "Die neue Klasse von Impfstoffen lässt sich schneller und günstiger herstellen und bietet darüber hinaus weitere Vorteile in der Verteilung und Verabreichung, die den weltweiten Zugang zu Impfstoffen verbessern kann", unterstreicht Seeberger.

 

Grundlagenforschung zum Schutz gegen Malaria

Auch auf anderen Feldern ist Seeberger aktiv. So hat sein Forscherteam herausgefunden, wie sich der effektivste Wirkstoff gegen Malaria, Artemisinin, deutlich kostengünstiger und in großer Menge herstellen lässt. Aus der Weiterentwicklung dieses 2012 vorgestellten Verfahrens wurde zur Umsetzung die ArtemiFlow ausgegründet. Über dieses Start-up treibt Seeberger die Entwicklung und Anwendung eines Reaktors zur neuartigen Artemisinin-Herstellung voran. Als passionierter Grundlagenforscher ist Seeberger in weiteren Bereichen an der Schnittstelle hin zur Anwendung seiner Erkenntnisse aktiv. So hält er mehr als 40 Patentfamilien und hat insgesamt acht Firmen mitgegründet.

Peter Seeberger, Jahrgang 1966, studierte an der Universität Erlangen-Nürnberg Chemie und promovierte 1995 als Fulbright-Stipendiat an der University of Colorado at Boulder in Biochemie. Nach einem Postdoktoranden-Einsatz am Sloan-Kettering-Institut für Krebsforschung in New York wurde er 1998 Assistant Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und avancierte dort 2002 zum Firmenich Associate Professor of Chemistry.

Ab 2003 war er Professor für Organische Chemie am Departement für Chemie und angewandte Biowissenschaften der ETH Zürich und Affiliate Professor am Sanford-Burnham Institut in La Jolla, Kalifornien. Seit 2009 leitet er die Abteilung "Biomolekulare Systeme" am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam.

 

Preisverleihung

Der Wissenschaftspreis des Stifterverbandes 2017 wird am 21. Juni 2017 ab 19:00 Uhr in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Fürstengraben 1, verliehen. Die Laudatio hält Ferdi Schüth, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft. In einem Podiumsgespräch berichtet der Preisträger Peter H. Seeberger über seine Forschung. Überreicht wird der Preis vom Präsidenten des Stifterverbandes, Andreas Barner, sowie vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann. Die Preisverleihung findet im Rahmen der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft vom 21. bis 22. Juni 2017 in Weimar, Jena und Erfurt statt.

 

Pressekontakt

Peggy Groß

ist Kommunikationsmanagerin im Stifterverband.

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