Karoline Spelsberg-Papazoglou: Ein ehrlicher Blick auf digitale Lehre

Es ist zentral, dass man als Lehrperson weggeht von der Idee, dass man Wissen instruiert, sondern immer mehr in Richtung Coach, in Richtung Lernbegleiterin, und Studierende darin unterstützt, aus Tools das auszuwählen, was wirklich Lernprozesse befördert.

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Studierende lernen jetzt online, und alles ist gut? Die digitale Hochschullehre sollte man mit etwas mehr Skepsis betrachten, meint Bildungsforscherin Karoline Spelsberg-Papazoglou von der Essener Folkwang-Universität der Künste. Die Euphorie über Innovationen durch E-Learning, Flipped Classroom oder Social Media verstellen gerne den Blick auf grundlegende Probleme des Lernens, die ungelöst geblieben sind.

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Autorin: Corina Niebuhr
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Transkript des Videos

Oft wird ja darüber nachgedacht, neue Kommunikationstools einzubinden aufgrund der Gruppengrößen, sagen wir mal, Massenveranstaltungen.

Wenn ich jetzt eine Vorlesung habe, wo beispielsweise 300, 400, 500 Studierende teilnehmen sollen, sage ich dann: Ich nutze jetzt technologiegestützte Elemente, um beispielsweise aus 500 Personen Gruppen, kleinere Gruppen zu gestalten, um Lernen zu ermöglichen, Interaktion. Oder verwehre ich mich und kritisiere den Punkt, dass es überhaupt dermaßen große Veranstaltungen gibt? Also, ich glaube, das eine ist, E-Learning zu nutzen und zu sagen: Es bietet neue Gestaltungsmöglichkeiten. Ich kann mein Lehrangebot wirklich bereichern. Ich kann Personen erreichen, die an anderen Orten sind und die so in der Form nicht zusammenarbeiten könnten. Aber es wird an anderer Stelle vielleicht auch instrumentalisiert oder missbraucht, um eine Lösung zu finden für ein Problem, und dieses Problem rückt dann in den Hintergrund. Und das, glaube ich, ist nicht sinnvoll. Das hat dann eigentlich auch nichts mehr mit Lernen zu tun, sonder man ist dann bemüht, Kleingruppen zu schaffen, um dann irgendeine Form von Lernqualität noch zu ermöglichen.

Was ich ganz spannend finde, ist die Diskussion mit Blick auf Flipped Classroom. Und der Augenmerk zu sagen, wenn wir den Studierenden im Vorfeld online-basiert, wie auch immer, wenn das Audio-, Video-Dateien sind, Material zur Verfügung geben, können sie sich vorbereiten, und die Präsenzzeit nutzen wir dann für den Austausch. Wenn ich aber diese Online-Phase, die vorgeschaltet ist der Präsenzphase, nicht mit Aufgaben versehe oder mit Fragen, die den Austausch auch befördern, also eigentlich nur Material zur Verfügung stelle, passiert da auch nichts. Das gleiche gilt aber auch für eine Vorlesung. Also, wenn Personen nur Wissen aufnehmen und die Vorlesung eine Frontalveranstaltung bleibt, passiert da in der Kompetenzentwicklung ja auch nicht besonders viel. Und das sind, glaube ich, Fragen, die jetzt, weil man gerade über Flipped Classroom versucht, das ja nochmal auf den Kopf zu stellen, in den Blick geraten.

Wenn man sich die Entwicklung ansieht, dann ist es hochwahrscheinlich, dass in fünf oder in zehn Jahren noch andere Social-Media-Tools beispielsweise zur Verfügung stünden. Und dann würde ich ja immer, wenn ich über die Gestaltung von Lehre, angereichert durch solche Instrumente, nachdenke, eigentlich immer nur reagieren. Und das vorweggenommen und nicht jetzt als Vision, sondern eher dass man sagt, es ist hochwahrscheinlich, dass es in dem Bereich noch weitere Fortschritte gibt, ist es wahrscheinlich erforderlich, sich zu überlegen: Wie gehe ich unabhängig davon als Lehrperson damit um, dass sich die Umwelt insgesamt oder die Gesellschaft und natürlich auch die Lernumwelt immer mehr digitalisiert oder immer mehr Technologie eine Rolle spielt? Ich glaube, es ist zentral, dass man als Lehrperson auch weggeht von der Idee, dass man da Wissen instruiert, sondern immer mehr in Richtung Coach, in Richtung Lernbegleiterin und Studierende darin unterstützt, aus diesen Tools das auszuwählen, was wirklich Lernprozesse befördert, also eher sie zum ... das Lernen lernen fördert, weil wahrscheinlich irgendwann ein Punkt kommt, wo auch eine Form der Überforderung da sein kann aufgrund dessen, dass es so viele, vielleicht gibt es dann 15 Varianten von WhatsApp oder was auch immer, mit denen ich dann in Austausch treten kann. Das kann natürlich auch zu einer Überforderung führen oder dass ich als Lernende nicht wirklich weiß, was davon ist jetzt zu nutzen und befördert auch den Austausch oder lenkt mich nur ab? Also, ein Stückweit vielleicht die Autonomie, die Selbsteinschätzung, die Reflexion der Studierenden zu fördern, damit sie lernen, mit diesen Möglichkeiten umzugehen, ein Stückweit auch wenn wir sagen "Wir sind eine Wissensgesellschaft", kann ich das Internet nutzen, um mich zu informieren. Dann muss ich aber auch wissen, wie ich das tue, ansonsten bin ich da ja auch lost in space und habe nicht wirklich das, was ich dann brauche.