Alt text

Informatikunterricht: Deutschland hat großen Nachholbedarf im europäischen Vergleich

12.01.2023

Deutschland verliert zunehmend den Anschluss bei der informatischen Grundbildung. Während die meisten europäischen Länder Informatik als Pflichtfach in den Schulen anbieten, ist es in vielen deutschen Bundesländern immer noch ein Wahlfach. Die Forderung des Stifterverbandes und der Heinz Nixdorf Stiftung: Informatik als Pflichtfach für alle Kinder der Sekundarstufe I.

In Deutschland können Schülerinnen und Schüler die Schule ohne informatische Grundkenntnisse verlassen. Im europäischen Vergleich bildet Deutschland mit acht weiteren Ländern somit die Schlussgruppe. Dagegen bieten 28 europäische Länder Informatik als Pflichtfach an, neun davon sogar ab der Grundschule. Das sind Ergebnisse des Policy Papers von Stifterverband und Heinz Nixdorf Stiftung "Informatikunterricht: Deutschland abgehängt in Europa". Hier zeigen die erstmals zusammengefassten Daten, wo sich die deutschen Bundesländer im europäischen Vergleich beim Thema Vermittlung von informatischen Kompetenzen einordnen und wie sich der Trend hin zum Pflichtfach Informatik in Europa entwickelt.

"Der IT-Fachkräftemangel ist überall spürbar. Die Lage wird sich in den nächsten Jahren noch weiter zuspitzen. Wir können es uns nicht leisten, dass Kinder ohne informatische Kompetenzen die Schule verlassen", fasst Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbandes, die Daten zusammen. "Wir müssen verstehen, dass informatische Kompetenzen zur Allgemeinbildung gehören. Nur mit einer entsprechenden Ausbildung kann die digitale Welt gestaltet werden. Deshalb muss Informatik als Pflichtfach in allen Bundesländern für alle Schulformen der Sekundarstufe I eingeführt werden."

In drei Ländern erstreckt sich das Pflichtfach Informatik konsequent über die gesamte Schullaufbahn – von der ersten Klasse bis zur Hochschulreife. Sechs weitere Länder bieten das Pflichtfach ab der dritten oder vierten Klasse bis mindestens zum Ende der Sekundarstufe I an. Keines der deutschen Bundesländer gehört zu dieser Spitzengruppe. Deutschlands Spitzenreiter im Angebot des Informatikunterrichts sind Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Sie haben wie sieben andere europäische Länder ein eigenständiges Pflichtfach von der 5. Klasse bis Ende der Sekundarstufe I.

Zwar wollen sich Schleswig-Holstein, Saarland und Niedersachsen an die europäische Entwicklung anschließen und ab dem Schuljahr 2023/24 nach und nach Informatik flächendeckend als Pflichtfach einführen. Auch Hamburg will ab dem Schuljahr 2024/25 nachziehen. Trotzdem droht Deutschland im europäischen Vergleich weiter zurückzufallen. Seit dem Jahr 2017 haben rund ein Drittel der europäischen Länder ein Pflichtfach Informatik von mehr als zwei Jahren eingeführt, beispielsweise die Schweiz, Tschechien, Lettland oder Litauen. Der Anteil liegt jetzt bei 46 Prozent. In Deutschland hat sich ein solches Angebot von einem Bundesland auf zwei Bundesländer erhöht. Nur Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen bieten ein Pflichtfach Informatik an, das sich über mehr als zwei Schuljahre erstreckt.

 
"Unsere Nachbarländer machen es uns vor.
Frankreich und Österreich haben seit 2017 ein Pflichtfach Informatik eingeführt; die Schweiz hat ihren Informatikunterricht sogar auf acht Jahre ausgeweitet", sagt Horst Nasko, Vorstand der Heinz Nixdorf Stiftung. "Schülerinnen und Schüler mit verbindlicher Informatiklehre können nachweislich die besten digitalen und informatischen Kompetenzen vorweisen. Darüber hinaus ist ein flächendeckendes Pflichtfach Informatik die beste Voraussetzung für Geschlechter- und Chancengerechtigkeit."

Fazit: Die deutschen Kultusministerien stehen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen das neue Pflichtfach in die schon vollen Stundentafeln integrieren. Es muss massiv in die Aus- und Weiterbildung von Informatiklehrkräften investiert und die notwendige IT-Infrastruktur an Schulen bereitgestellt werden.

Das Policy Paper "Informatikunterricht: Deutschland abgehängt in Europa" ist die dritte Studie zum Thema Informatikunterricht in Deutschland, herausgegeben von der Heinz Nixdorf Stiftung und dem Stifterverband. Mit dieser Studienreihe wollen beide Organisationen den Informatikunterricht in den Schulen stärken, um die Kompetenzen aller Kinder in Deutschland nachhaltig zu fördern.

Pressekontakt

Peggy Groß

ist Pressesprecherin des Stifterverbandes.

T 030 322982-530

E-Mail senden

Dr. Mathias Winde

leitet im Stifterverband den Programmbereich "Hochschulpolitik und -organisation".

T 030 322982-501

E-Mail senden

Im Stifterverband haben sich rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zusammengeschlossen, um Bildung, Wissenschaft und Innovation gemeinsam voranzubringen. Mit Förderprogrammen, Analysen und Handlungsempfehlungen sichert der Stifterverband die Infrastruktur der Innovation: leistungsfähige Hochschulen, starke Forschungseinrichtungen und einen fruchtbaren Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Die Heinz Nixdorf Stiftung ist eine unternehmensunabhängige, gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts, die aus dem Nachlass des 1986 verstorbenen Unternehmers Heinz Nixdorf hervorgegangen ist. Sie gehört heute zu den großen privaten Stiftungen in Deutschland und fördert unter anderem Projekte in den Bereichen Aus– und Weiterbildung sowie Wissenschaft.